— 403 —
um das Recht auf die gemeinsame Brachweide nicht zu ver-lieren. Es zeigt dies, dafs sie die Solidarhaft nicht allzusehrfürchten; in der That weist die Gemeinde K. nur wenigegänzlich verfallene Wirtschaften auf, welche sich in dauernderUnfähigkeit der Steuerzahlung befänden. Die Differenzierungzwischen Reich und Arm ist keine allzustarke; Dereliktionvon Nadjelen durch „Wirtschaftslose" ist bisher nicht vor-gekommen.
Ähnliche Verhältnisse des Besitzrechts trafen wir beimehreren Gutsbauerngemeinden des südlichen Bezirkes desCharkoffer Gouvernements; die Nadjele blieben unverändertan Zahl und Gröfse seit der Befreiung; aber dabei findetjährliche Umlosung der Felder statt, hier nicht nur der zumWinterkorn, sondern auch der zum Sommerkorn bestimmten.Zwei Drittel der genannten Gemeindeflur wird also alljährlichneu verlost. Der Grund ist der nämliche: Ausgleichung derverschiedenen Bodenqualitäten gegenüber den Steuern. DerLandbesitz wird ebenso sehr als Pflicht wie als Recht an-gesehen. Aber im Süden ist die Differenzierung zwischenarm und reich weiter fortgeschritten als im Norden; für dieärmeren Bauern überwiegt die Pflicht das Recht so sehr, dafssie nicht selten ihren Nadjel aufgeben und Haus und Hoffluchtweise verlassen.
Von grofser Bedeutung ist in dieser Richtung die Mög-lichkeit steter Massenauswanderung; gegenwärtig ziehen vieleTausende von Bauern, ja ganze Gemeinden in das JenisseischeGouvernement und das Amurgebiet. Iii dem Dorfe B. habenz. B. von 33 Höfen sich alle bis auf die drei wohlhabendstenBauern zur Auswanderung eingeschrieben, in dem benach-barten Chutor G. mehr als die Hälfte. Die wohlhabendenBauern weigern sich, die mit Steuern belasteten und aus-gesogenen Nadjele der Auswanderer zu übernehmen. Siedehnen sich lieber teils durch Kauf, teils durch Pachtung aufdem Gutslande aus, woselbst sie von den mit dem Gemeinde-besitze verbundenen Eigentumsbeschränkungen und Ablösungs-lasten frei sind.
Besonders merkwürdig war in dieser Hinsicht der Besuch
26*