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Niedergänge der Bauernwirtschaft die Rede sein. Vielmehrnach Postnikoff finden sich daselbst zahlreiche, stark auf-strebende Elemente, wie denn nirgends die Maschinen-anwendung so weit verbreitet ist, wie dort.
Als Gründe für diese Erscheinung mag zweierlei inBetracht kommen: einmal der lösende Einflufs des benach-barten Meeres, die Nähe grofser Ausfuhrhäfen, Odessa , Cher-son und Rostoff, damit eine stärkere Einwirkung der Getreide-ausfuhr und der Geldwirtschaft; auf der anderen Seite istnicht zu vergessen, dafs die genannten Länder Kolonialboden 1sind und eine neue, stark durcheinander gemischte Bevölkerungaufweisen — Umstände, welche allerwärts dem wirtschaftlichenFortschritte günstig sich erweisen.
Ausgegangen sind die meisten Fortschritte von dendeutschen Kolonisten, unter ihnen viele Mennoniten,welche, von Katharina II. und Alexander I. angesiedelt, dieLehrmeister der neurussischen Bauern geworden sind. Sekten-bildung, welche ein hohes Mafs von Individualismus mitstrenger moralischer Bindung vereinigt, erwies sich in West-europa vielfach als günstiger psychologischer Boden für denwirtschaftlichen Fortschritt; man denke an die Puritaner, jeneGründer Amerikas , an die Quäker, jene Pioniere der eng-lischen Grofsindustrie, an die blühenden Herrnhuter Ge-meinden Deutschlands 2 .
Aber das psychologisch günstige Material, welches diedeutschen Kolonien Neurufslands für den wirtschaftlichen Auf-schwung bereit hielten, bedurfte zur Entfaltung eines Anstofses
1 Odessa, mit mehr als 300 000 Einwohnern, der wichtigste HafenKufslands, ist z. B. eine ganz neue Gründung. Auf einem Hofballschlug man der Kaiserin Katharina II. vor, dem neuzugründendenKriegshafen am Schwarzen Meer den Namen der benachbarten einstigenGriechenstadt, Odessos, zu geben, worauf die Kaiserin erwiderte, dafsdas alte Odessos eine weibliche Endung erhalten sollte.
2 Hinsichtlich der Stundisten sagt ein russischer Priester: „Allesbei ihnen strebt zum Gelde." Koschdestwenski, SüdrussischerStundismus. Petersburg 1889. Gedruckt mit Erlaubnis des Direktorsder geistlichen Akademie zu St. Petersburg .
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