Druckschrift 
Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland / von Gerhart v. Schulze-Gävernitz
Entstehung
Seite
442
Einzelbild herunterladen
 
  

- 442

grofsblumigen Steppe, eine Leier im Schofs, wohl ein keckesLiebeslied singend oder eine alte Sage; neben ihm sein treuesRofs, das aufmerksam dem Sange des Meisters lauscht.

Auch die Siedlungweise des Kosaken unterscheidetsich schon äufserlich von der des Bauern. Während dieReihendörfer der russischen Bauern durch ihre oft aufser-ordentliche Ausdehnung sich als künstliche Gebilde verraten,entstanden und zusammengehalten durch Befehl von oben, be-vorzugt der Kosak den Einzelhof oder häufiger den auswenigen Höfen bestehenden Weiler.

Die Weiler der wohlhabenden Kosaken sind meist vonHütten umgeben, deren Bewohner augenscheinlich keineselbständige Landwirtschaft treiben. Sie sind ein äufseresAnzeichen dafür, dafs hier der Grofsbauer eine ihm eigen-tümliche Arbeitsverfassung sich geschaffen hat. Diese so-genanntenNachbarn" sind eigentumslose Arbeiter, welchedurch Feld und Naturalien vom Kosaken entlohnt werden.

Die Kosaken, welche den gröfsten und bei weitemwichtigsten Teil der Einwohner des Bezirkes von Kobel-jaki ausmachen, sind die Abkömmlinge freier Krieger,denen ein Beweis ihrer Freiheit das Litauische Statutfreies Eigentum und Erbrecht am Grund und Boden gleichder Schlachta (dem kleinen Adel) gewährleistet. Erst nachder Schlacht von Poltawa wurden sie endgiltig von Moskau unterworfen; später wurde die kriegerische Organisationdieser kleinrussischen Kosaken von der Centrairegierung be-seitigt; die Kosaken sind damit reine Ackerbauer geworden.

Man hat diese kleinrussischen Kosaken wohl zu unter-scheiden von den mit Moskau verbündeten Kosaken, welcheihre kriegerische Organisation bis heute beibehielten, so z. B.die donschen, die uralschen, die terekschen, die sibiri-schen Kosaken. Bei letzteren werden noch heute die gesamtenjungen Mannschaften mit erreichtem 16. Jahre zum Militär-dienst eingereiht, zu welchem sie Waffen und Pferde selberzu stellen haben. Lange Jahre der Heimat entzogen, bleibensie der alten Meinung aller waffentragenden Klassen treu,wonach die landwirtschaftliche Arbeit Schimpf und Sache der