Für solche Pläne bereiste Edward VII. Europa ; „rol viveur",gewiß von keiner puritanischen Überlieferung belastet, streute er sojene Saat aus, die heute aufging — Totenköpfel Obgleich„nur" parlamentarischer Monarch — der einflußreichsten Einerin der Geschichte seines Volkes, aber auch einer der unheilvollsten.
Weniger klug als er, der sich als Kenner Deutschlands viel-leicht (?) mit einer nur diplomatischen Einkreisung begnügt hätte,wurden seine Erben und Testamentsvollstrecker die insulare Be-schränktheit Greys und der skrupellose Ehrgeiz Winston Churchills .
Aber diese politische Richtung, die alles der deutschen Gefahrunterstellte, blieb in England nicht unwidersprochen. Weit-blickende britische Patrioten erkannten, daß der wirtschaftliche Auf-schwung Neudeutschlands, alles in allem genommen, Englands Reichtum mehr fördere als schädige. Im Jahre 1912 trat Deutsch-land an die Spitze sämtlicher Käufer britischer Waren; es kauftevon England sogar mehr als das indische Kaiserreich. Im Ver-kehr mit dem britischen Mutterland besaß Deutschland noch immereine aktive Handelsbilanz, dagegen eine erheblich passive dem briti-schen Weltreich gegenüber. Als Käufer indischer, australischerRohstoffe ergänzte der deutsche Industriestaat recht eigentlich denbritischen Gläubigerstaat. Indien zahlte die gewaltigen Summenseiner Zinsen und Pensionen an England vorwiegend mit Forde-rungen gegen Deutschland , welche das Gleichgewicht des indischenBudgets und die Parität der indischen Währung (den Goldkursder Rupie) aufrecht erhalten. Es begann sich jene Stimmungdurchzusetzen, welche einst D. Hume in die Worte gefaßt hat:„Freimütig wage ich es zu bekennen, daß ich nicht nur alsMensch, sondern auch als britischer Antertan den Aufschwungund die Blüte des Handels in Deutschland, Spanien, Italien und sogar auch in Frankreich wünsche"; heute hieße es: „inFrankreich, sogar in Deutschland ."
Nicht minder mußte der billig denkende Brite den Verteidi-gungszweck der deutschen Flotte anerkennen. Er — der Brite —am wenigsten konnte den Satz leugnen, in welchem ich vor Jahrenden letzten Beweggrund des deutschen Flottenbaues zusammenzu-fassen suchte: „Es ist eines großen Kulturvolkes un-würdig, seinDasein auf dieDuldung eines vielleichtwohlwollenden, vielleicht feindlichen Nachbars zustellen." Dieser reine Verteidigungszweck der deutschen Flottetrat um so klarer zutage, seit Tirpitz, der verantwortliche Minister20