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Freie Meere! / Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
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Deutschland ein Wirtschaftsgebiet, das im Notfalle auf Jahrehinaus Selbständigkeit in sich finden kann. Dies alles zu einerZeit, da der britische Industriestaat an Stoßkraft verlor und all-gemach verrentnert.

Aber auch in geistesgeschichtlicher Hinsicht führt diebritische Nation ein Rentnerdasein: das Dasein des reichstenRentners der Welt. Noch schließt sich sein überaus reiches Erb-teil zu einein weltüberragenden Kuppelbau zusammen. Aber dieFelsenwölbungen, auf denen dieses himmelstürmende Gebäuderuht, sind rissig geworden. Die angelsächsische Religiosität be-findet sich in einem Alterszustand, ohne Anpassungsfähigkeit andie Fortschritte des wissenschaftlichen Geistes, vielfach zur Heucheleientkräftet.Kein Engländer," sagt Carlyle,wagt mehr dieWahrheit zu glauben. Seit zweihundert Iahren ist er eingehülltin Lügen jeder Art." Keinen Ersatz jedoch für die vermorschendeWahrheit bietet jene Zersetzungserscheinung, Aufklärung genannt,über welche England in eigenständiger Entwicklung nicht hinaus-kam: keine mechanische Naturerklärung löst die Welträtsel; keinemechanische Glückseligkeitsrechnung die noch verworreneren Rätseldes Herzens. Hier droht die innerste Gefahr; hier klafft die ab-grundtiefe Kluft, für deren Äberbrückung Carlyle und Emersondeutsche Bausteine suchten.

In der Tat: auf deutschem Boden war es, daß die Grund-linien jenes allumfassenden Gebäudes gedacht wurden, welches demsuchenden Menschengeiste eine neue Wohnstätte bereitete. Derdeutsche Idealismus ging über das britische Denken hinaus,indem er Puritanismus und Aufklärung zu höherer Einheit insich aufhob. Die starre Größe des Puritanismus lebte fort inAlt-Preußen, das durch geistesgeschichtliche Fäden mit jenemnahe verknüpft ist. Kant aber setzte dieses Alt-Preußen aufden Richterstuhl der Vernunft, indem er den größten Skeptikeraller Zeiten, den Endpunkt des britischen Denkens, David Hume ,überwand: inmitten der Zweifel des Kopfes und der Wirrnissedes Herzens ist das Soll der Pflicht der granitne Fels: aufihm fußend, reift der Mensch zurFreiheit" empor und bringtOrdnung" in alle seine Geschäfte Ordnung in den Zwie-spalt des Wissens und Wollens, des erkennenden und handeln-den Menschen. Von diesem Felsen aufblickend, kommt derMensch zur Anvermeidlichkeit des Gottesglaubens und zumVertrauen in einen allumfassenden Heilsplan, auch dort, wo der

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