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Freie Meere! / Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
Seite
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hohe Zweckzusammenhang der Dinge im einzelnen in Dunkelgehüllt bleibt.

Aber die Synthese, die das deutsche Denken vollzog, wareine reichere. Indem Alt-Preußen sich dem lebenswärmeren undknnstverwandteren Westdeutschland verband, wurden Pflicht undFreiheit des Einzelnen der Idee des Ganzen eingegliedert: vonKant zu Pegel! Die Disziplinierung des Einzelnen zum sozialenGanzen ist dem Deutschen keine Sklaverei, wie der Brite so leichtvermeint, sondern eine höhere Stufe der Freiheit; denn der Ein-zelne bejaht das Ganze als den höheren Wert.

Des Gesetzes starre Fessel bindet

Nur den Sklavensinn, der es verschmäht."

Den starken Einzelmenschen Alt-Englands überbietetNeu-Deutschland durch die größere Wucht der organi-sierten Gemeinschaft, welche ihrer Idee nach dieFreiheit der Glieder mit Geschlossenheit des Ganzenvereinigt: so im Peerwesen, im staatlichen und kapitalistischenGroßbetrieb. Auf seiner höchsten Stufe leistet der Brite Herren-Hafte Weltunterjochung durch den starken Einzel-menschen zur Verherrlichung eines weltfremden Gottes;auf seiner höchsten Stufe leistet der Deutsche liebevolle Welt-gestaltung durch die organisierte Gemeinschaft zwecksgeschichtlicher Entfaltung des ewigen Wertes. Es istnicht zu verkennen, daß die Idee des Reiches Gottes und ihreVersichtbarung in der Kirche hier segensreich fortwirkt.

Dem entspricht die Verschiedenheit der politischen Ziele: Überdie formale Freiheit des Briten hinaus, die er als Vorstufe be-jaht, erstrebt der Deutsche die vernunftgemäße Ordnungim Inneren seines Staatswesens im Sinne materiellerGerechtigkeitder preußische Staatssozialist nicht anders als dersozialistische Demokrat. Er erstrebt vernunftgemäße Ordnung dort,wo das britische Konkurrenzsystem Willkür und Zufall auf denThron setzt. Niemand hat dies besser erkannt als ein Engländerselbst. Indem Deutschlandden Vorsitz in Europa " angetretenhabe, meinte Carlyle, sei für Europa eine weitere Frist vonmehreren Jahrhunderten gestellt zu dem Versuche, die in ihmvorhandenen Keime des sozialen Neuaufbaues zu entwickeln.

Darüber hinaus erstrebt der Deutsche nicht eigene Weltherr-schaft, sondern die vernunftgemäße Organisation derWelt auf dem Boden der Freiwilligkeit. Derewige28