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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
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Eine Reise durch Deutschland vor hundert Jahren.

Und die vielen Klagen über die Mühseligkeit des Reifens, die nnsaus jedem Reisebericht der Zeit entgegentönen (und es gibt derenfast soviel in Buchform wie heute in feuilletvuistischer GestaltungReisebriefe"), erscheinen nur allzubegreiflich, weim wir uns dieBedingungen auschanen, unter denen das Reisen von statten ging.

Die Wege! Dn meine Zeit! War das eine Not! Nnr aufganz wenigen Strecken Chausseen oder gepflasterte Straßen. Imganzen Königreich Preußen waren 1816 erst 523^ MeilenChansseen vorhanden (hente mehr als 10 000 Meilen auf demselbenGebiet); davon drei Fünftel in Westfalen und Rheinland , währenddie Provinzen Pommern und Poseu überhaupt noch keine Chausseehatten, Preußen immerhin schon 1 Meile. Die Regel also: Sand,Lehm, Rasennarve, das heißt Staub im Sommer, Morast imWinter; tiefe Löcher; Stnbben nnd Steine an allen Orten. DaherBerichte über Berichte von fteckengebliebenen Wagen, gelegentlichsogar von Postknechten, die im Sumpfe erstickt waren. Oft genugwollte man die Wege gar nicht bessern. Die Posten und Fracht-züge sollten langsam durch eiu Gebiet ziehen, damit Gastwirteund Handwerker recht viel an ihnen verdienten.

Und der Wege waren die Wagen würdig. Die Postkutschenwaren eines der beliebtesten und ausgiebigsteu Witzobjekte für dengeistreichen Zeitungsschreiber jener Tage. Es lohnte wohl einenen-germanistische Doktorarbeit, in der die zahlreichen Stellen ausder zeitgenössischen Literatur zusammeugetrageu würden, die a) inwitug-hnmorvoller, d) in gallig-ärgerlicher Weise von den Un-zulänglichkeiten der Postwagen ihrer Zeit handeln. Ich erinnerennr an Lichtenberg:Sie streichen die Postwagen (es warenoffenbar die Taxisschen gemeint) rot an, als die Farbe desSchmerzes und der Marter, und bedecken sie mit Wachslinnen,nicht, wie man glaubt, um die Reisenden gegen Sonne uud Regenzu schützen (denn die Reisenden haben ihren Feind unter sich, dassind die Wege und der Postwagen), sondern aus derselben Ursache,warum man denen, die gehenkt werden sollen, eine Mütze überdas Gesicht zieht: damit nämlich die Umstehenden die gräßlichenGesichter nicht sehen mögen, die jene schneiden." Ludwig Borne aber schrieb noch am Beginn des dritten Jahrzehnts des neun-