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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
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Eine Reise durch Deutschland vor hundert Jahren,

begradigt", sondern die Fluchten der Häuser wurden von densteinernen Treppen, die zu den Hausfluren führten oder von denüberladendenSchaufenstern " der Handwerksmeister oder sonst einemarchitektonischen Hindernis unaufhörlich unterbrochen.

Und von den Verkehrsmitteln in den Städten gilt dasGleiche. Anch sie waren entweder gar nicht vorhanden oder aber,wenn vorhanden, höchst primitiv. In Berlin gab es noch zu An-fang des Jahrhunderts keiue Fiaker; nur beim Ausgang der Operoder des Schauspiels standen ein paar Wagen zur öffentlichen Be-nutzung bereit. Sonst mußte man sich einen Mietswagen in derWohnnng des Fuhrherrn bestellen: wie heute noch in kleinerenStädten. In Breslan wurden 1814 die ersten städtischen Fiakereingeführt, die am Salzringe und Neumarkt Aufstellung nahmen.Und gar das Kulturphänomen: derOmnibus ", dieses Wahrzeichenunserer aufgeklärte» Zeit, in dem deren Eigenart wie kaum ineiner anderen Einrichtung zum prägnanten Ausdruck kommt (istdenu nicht die Devise unserer Kulturomnilzus" zum Zehnpfennig-taris!), derOmnibus " gehört einer viel späteren Zeit an: ertaucht 1843 in Hamburg, 1846 in Berlin, 1854 in München ,1862 in Breslan auf. Aber was hatten denn auch die Leute vondamals nötig, sich in einem Affenkasten täglich ein paarmal hernm-karren zu lasseu. Ich erinnerte eben schon daran, daß die Bevölke-rung der Städte, namentlich auch deren schönere Hälfte, seßhafterwar. Und dann waren doch auch die Entfernungen so kurz undman hatte auch das Laufen noch nicht ganz verlernt.

Zu den Wegen, die nicht wegsam, den Verkehrsmitteln, dienicht da waren, gesellte sich die Beleuchtung der Straßen, vonder man nichts merkte. Nur in den größeren Städten gab es über-haupt so etwas, wie einöffentliches Beleuchtungswesen": in denHauptstraßen alle paar hundert Schritt auf einem Holzpfahl oderan einer auer über die Straße gezogenen Kette eine trübe Öllampe,die nicht einmal angesteckt wurde,wenn Mondschein im Kalenderstand". Berlin besaß am Ende des achtzehnten Jahrhunderts2354 Laternen, die vom September bis Mai brannten. Wem dasnicht genügte, der nahm sich, wenn er abends aus dem Hauseging, sein eigenes Laternchen mit oder er ließ den Diener (wenn