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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
Entstehung
Seite
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Ärmlichkeit der früheren Zeit

von Augenzeugen geschildert

sich alle Jahre einen neuen Hut kaufen konnte, und ob Professors,ohneüber ihre Verhältnisse" zu leben, bei ihren Gesellschaftenfranzösischen statt deutschen Champagner geben konnten. Und dasist es doch, was ihn zn wissen interessiert. Es existiert beispiels-weise ein Buch, das mit unsäglichem Fleiße alle statistischen Datenzusammengetragen hat, die zur Messung des Reichtums Preußens im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts dienen können. SeinVerfasser war sogarköniglich-preußischer geheimer Registrator";er hieß Leopold Krug , und sein zweibändiges Werk betitelt sichBetrachtungen über den National-Neichtnm des preußischen Staatsnnd über den Wohlstand seiner Bewohner" (2 Teile, Berlin 1805).Ich bin aber sicher, wenn Sie in diesem Werke einmal blätternwerden, daß Sie auch nicht die leiseste Ahnung von dem be-kommen, was der Titel zu schildern verspricht. Mir selbst gehtes so. Ich lese das Buch etwa zum sechsten Male nnd es sagtmir immer noch nichts. Dabei ist es ein anerkannt gutes Buch.

Was hier vielmehr aushelfen muß, ist zunächst die eigeneAnschauung oder sind die Erzählungen von Zeitgenossen, die einoffenes Auge für die Zustände hatten, die sie umgaben. Wir selbstkönnen noch viel Kenntnis von dem ärmlichen Zustande der früherenZeit uns verschaffen, wenn wir uns der Lebensweise, der Zimmer-einrichtung oder auch der Mitteilungen unserer Eltern und Groß-eltern erinnern; wenn wir uns den Anblick vergegenwärtigen, denunsere Großstädte noch vor zwanzig Jahren boten, wie kümmerlichdie Schaufenster ausschauten, wie dürftig die Restaurants undCaf«Zs, wenn wir daran denken, wie einfach noch in unserer Kind-heit der ganze Zuschnitt des täglichen Lebens in Kleidung undNahrung war, und was dergleichen mehr ist. Dann müssen wiruns vor allem auch, wie ich schon sagte, an die Erzählungen undSchilderungen halten, wie wir sie aus früherer Zeit in den Selbst-biographien uud Erinnerungen der verstorbenen Generation besitzenoder in eigenen Darstellungen des damaligen Lebens, wie sie unsOtto Bähr in seiner schon gerühmten kleinen Schrift so anschau-lich geboten hat. Ich will noch einmal die Lektüre dieses goldigenBüchleins anempfehlen und kann mir auf diese Weise Wiederholungensparen. Es mag mir nur gestattet sein, zur Bekräftigung meiner