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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
Entstehung
Seite
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Die äußere Struktur des Wirtschaftslebens,

eigenen Aufstellungen folgende Worte des ausgezeichneten Gewährs-mannes anzuführen, in denen gleichsam die Grundstimmuug desSchriftchens zum Ausdruck kommt.

Der Hauptcharakterzug des wirtschaftlichen Lebens vor sechzigJahren, meint Bahr, war eine an Dürftigkeit grenzende Einfachheit.Als reich im Sinne der heutigen Zeit konnte mau damals inDeutschland überhaupt wohl nur wenige bezeichnen. Aber auchim Sinne der damaligen Zeit gab es wenig reiche Leute. Alsder reichste Mann in Kassel galt bis in die 1850er Jahre einKaufmann, von dem man annahm, daß er eine halbe MillionTaler im Vermögen habe. Auch die Gehalte der Beamten warenäußerst knapp und reichten nur zu einer bescheidenen Existenz aus.Dem entsprach auch die allgemeine Lebensweise. Wie in deneinzelnen Familien gelebt wurde, war ja gewiß verschieden je nachder Größe des Einkommens, sowie nach den Ansprüchen des Ehe-herrn uud der Geschicklichkeit der Hausfrau. Im allgemeinen aberwurde sehr einfach gelebt."

Nun gibt es aber doch noch andere Mittel und Wege, nmsich eine deutliche Vorstellung von dem Reichtnmsgrade einer Zeitzu bilden. Man kann an bedeutsamen Symptomen erkennen, obein Volk behäbig oder dürftig lebt, namentlich auch ob in denführenden Kreisen, in den herrschenden Klassen, in denjenigenSchichten der Bevölkerung also, die für den Charakter der Kulturentscheidend sind, Reichtum oder Armut herrscht. Eins dieser Symp-tome, vielleicht das bedeutsamste, erblicke ich in der Eigenart derBildung einer Zeit. Ich werde mich über diesen wichtigen Punktnoch öfters mit Jhueu, verehrter Leser, unterhalten. Hier einst-weilen nur soviel, daß man ohne weiteres aus dem Charakter, dendie geistige Kultur Deutschlands in der ganzen ersten Hälfte deSJahrhunderts trug, ohne weiteres auf einen sehr niedrigenNeichtumsgrad schließen darf. Diese Kultur war, wie man weiß,eine ausgesprochen literarisch-ästhetisch-philosophische; oder negativausgedrückt eine unkünstlerische, unsinuliche. Man hatte sich vonder Welt des äußeren Scheines völlig abgekehrt und in seinemInnern eine Welt der Ideen aufgebaut. Man verachtete alles,was uach Körperlichkeit schmeckte. Man war empfindsam, rührselig,