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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
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Die innere Organisation des Wirtschaftslebens,

lichen Vornahmen nm die lebendige Persönlichkeit desbedürfenden und handelnden Menschen sein. Das Wirt-schaftsleben ist noch nicht ein nach sachlich-rationalen Gesichts-punkten kunstvoll aufgebauter Mechanismus, sondern im wesent-lichen ein nnreflektierter Ansfluß natürlich empfindender Menschen.Was ich damit meine, wird erst verständlich werden, wenn ich nundie einzelnen Sphären des Wirtschaftslebens in ihrer eigenartigenOrganisation vorüberführen werde. Der Leser wird erstaunen überdie vielfach bizarren Formen, in denen sich uns das Wirtschafts-gebäude vor hundert Jahren noch darstellt. Es ist in den Grnnd-zngen noch immer der Bau, den auf dem Lande die germanischenStämme in der Hof- und Dorfverfassuug bei ihrer Seßhastwerdunganderthalb Jahrtausende früher aufgeführt, den dann der Feuda-lismus und in den letzten Jahrhunderten die aufkommende Gutswirtschaft abgeändert, ausgebaut, aber doch nicht umgestürzt hatten;in den Städten diejenige Ordnung der Dinge, die man gewöhnlichals Zunftordnung bezeichnet: auch sie iu fast tausendjährigemWachstum langsam, stückweise entstanden, ergänzt, abgeändert, aberim Weseu erhalten: ein imposantes Denkmal einer starren, un-beweglichen, konservativen Epoche der Geschichte.

Ich beginne mit der Darstellung der ländlichen Verhältnisseund zwar zunächst mit eiuer Schilderung der Banernwirtschaftalten Stils. Ich bitte nicht zn erschrecken, wenn ich dabei etwasweit aushole: ich springe dann schon! Aber ein Verständnis fürdie Eigenart des Wirtschaftslebens vor hundert Jahren läßt sichnicht gewinnen, ohne daß man seine Wurzeln bloßlegt. Und dieseWurzeln liegen bei der Agrarvcrfassung, wie ich schon andeutete,in der Zeit, als die germanischen Stämme seßhaft wnrden. Ehedies eintrat, so müssen wir annehmen, wurden größere, mehrereQuadratmeilen umfassende Gebiete von Gruppen blutsverwandterFamilien in nomadenhafter Weise gemeinschaftlich als Weide- undgelegentliches Ackerland genutzt. Diese für mehrere tausend Per-sonen als Unterhaltsstätte dienenden Gründe leben später alsgemeine Marken oder Holzmarken fort, nachdem ans einem Teilevon ihnen kleinere Verbände zur Seßhaftigkeit gelaugt waren.Diese zusammenbleibenden Gruppen von Familien bilden die Dorf-