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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
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Das Gewerbe.

Eigenschaft des Handwerks unserer Tage und bedarf der genauestenFeststellung. Wie denn anch hierher die Erwähnung der Tatsachegehört, daß heute eine große Anzahl von Gewerbetreibenden oftnur Händler sind und vielleicht kein Stück, das sie in ihrem Lebenverkaufen, selbst angefertigt haben, gleichwohl aber einen vollenGewerbebetrieb in der Statistik als Hutmacher, Uhrmacher, Klempner,Drechsler usw. darstellen. Daß aus dem angeführten Grunde dieErmittelung der Berufsangehörigkeit oder auch Berufstätigkeitebenso wenig wie über die Verbreitung der Produktionsweise überdie Lage der Gewerbetreibenden Aufschluß gibt, mag nur nebenbeierwähnt werden; ich meine, ob einer als Schuster leben kann undlebt, wenn er Inhaber eines Schuhmachereibetriebes ist, entzieht sichgänzlich der Beurteilung. Reicht demnach die blanke statistische Zahlnicht hiu, um, wenn ich so sagen darf, die quantitative Bedeutungeines Gewerbebetriebes zum Ausdruck zu bringen, so noch vielweniger, um Aufschluß zu geben über seine qualitative Bedeutung,auf deren Erkenntnis aber der soziale Forscher ganz besonderenWert legt.

Die Statistik belehrt uus nämlich nicht, ob der betreffende Ge-werbetreibende noch ökonomisch selbständig tütig ist oder bereits ineinem irgendwie gearteten Abhängigkeitsverhältnis zu einem kapi-talistischen Unternehmen steht. Das ist wohl der gewichtigste Vor-wurf, der gegen die Ziffern der allgemeinen Berufs- und Gewerbe-statistik erhoben werden kann. Denn ohne eine solche Belehrungerfahren wir im besten Falle einiges über Betriebsgestaltung, abernichts über die wirtschaftliche Organisation der gewerblichen Arbeit,also nichts über die Hauptsache. Hätte nicht bisher eine so be-dauerliche Verwirrung auf dem Gebiete der Lehre von den Wirt-schafts- und Betriebsformen geherrscht, so wäre man Wohl schonallgemein zu der Einsicht gelangt, daß eine Betriebsstatistik z. B.der Tischlerei, Schneiderei, Schuhmacherei, also dreier der wichtig-sten Gewerbe völlig belanglos ist für die Frage, ob sich das Hand-werk gegenüber dem Kapitalismus erhalten habe oder nicht. Denndie dort aufgeführtenselbständigen" Gewerbetreibenden sind keineHandwerker mehr, sondern Rädchen in dem großen Uhrwerk derkapitalistischen Verkehrswirtschaft.