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Die Landwirtschaft.
verantwortlich zu machen. Näheres Nachdenken erweist die Halt-losigkeit dieser Annahme. Wenn wirklich den jetzigen Besitzern diepersönlichen und sachlichen Bedingungen für eine kapitalistische Wirt-schaft fehlen: warum treten nicht andere an ihre Stelle? So wiedie unfähigen und schwächlichen Fabrikbesitzer durch kräftigere Naturenersetzt werden? Warum greift das Kapital nicht von außen herdie Gutswirtschaft an? Warum (mit anderen Worten) gibt eskeine einzige rein landwirtschaftliche Aktiengesellschaft? Warumwerden Bäder und Heilanstalten, Hotels und Theater, ZoologischeGärten und Panoptiken, von Industrie- und Handels-, Trans-port- und Versicherung-Unternehmungen gar nicht zu reden, inder Form von Aktiengesellschaften massenhaft betrieben, nur keineinziges Rittergut? Warum sind nicht schon längst sämtlicheStandesherrschaften „gegründet" worden?
Offen gestanden: ich weiß es nicht. Denn eine grundsätzlicheUnmöglichkeit, auch eine Gutswirtschaft als Aktiengesellschaft zubetreiben, vermag ich nicht einzusehen. Aber es schweben mirdoch eine Reihe von Gründen vor, die die landwirtschaftliche Pro-duktionssphäre für das Kapital zn einer wenig anziehenden gestalten.Es mag zunächst die Unsicherheit der von der Ernte abhängigenErträge sein, die namentlich die unpersönliche Form der kapita-listischen Unternehmung (die Aktiengesellschaft) ausschließt. Dannaber läßt sich, glaube ich, der Nachweis führen, daß die Profitratein der Landwirtschaft im allgemeinen niedriger ist als in anderenSphären des Wirtschaftslebens, weil (wie ich an anderer Stellenaher dargelegt habe) in dem der Regel nach stets zu hohen Boden-preise ein Faktor geschaffen wird, der die Tendenz hat, auf dieProfitrate senkend einzuwirken. In der Landwirtschaft bestehtferner eine geringere Möglichkeit, durch Steigerung der Produk-tivität wie in der Industrie oder durch Ausnutzung günstigerKonjunkturen Extraprofite zu machen. Dazu kommt, daß eine sehrstarke Zusammenballnng von Kapital (wie im Bankwesen, in denTransportgewerben, in zahlreichen Zweigen der Industrie) in derLandwirtschaft meist keine besonderen Vorteile im Gefolge habenwürde, lind was dergleichen Erwägungen, die hier alle nur an-gedeutet werden sollen, mehr sind.