Die Landwirtschaft widerstrebt ihrer Natur nach kapitalist. Organisation. Jg5
Während so auf der einen Seite dem Kapital geringerer Lohnin der Sphäre der Landwirtschaft winkt — mag sein, daß derenTepressionszustand während der letzten Jähre, in denen sich beiuns der Kapitalismus erst recht entfaltet hat, dazu beiträgt, dasVordringen des Kapitals hintanzuhalten, uud daß eine Hansse-periode, wie wir sie in den 1850er und 1870er Jahren erlebt haben,inmitten des Kapitalreichtums der Gegenwart auch die Aktiengesell-schaft aufs Land hinaustragen würde — so drängt ihrer ganze Naturnach die landwirtschaftliche Tätigkeit darauf hin, die kapitalistischen Gesichtspunkte bei ihrer Organisation fern zu halten. Erleben wires doch, daß eingefleischte Geldmänner, selbst jüdischer Rasse,wenn sie ein Rittergut erwerben und Landwirtschaft betreiben,gleichsam weich werden, die schroffen Grundsätze kapitalistischer Ge-schäftsführung abmildern. Wie stark muß dann erst diese Ab-neigung, die Prinzipien des Kontors aufs Land zu übertragen,bei den alten Familien germanischer Abkunft sein, die seit Jahr-hunderten auf angestammten Besitze angesessen sind.
Was in der Sphäre der Landwirtschaft so schwer fällt, istgerade alles das, woraus die kapitalistische Organisation ihremWesen nach beruht: die Auslosung aller Werte in Ouautitäteinder Ersatz jeder persönlich-individuell-konkret gefärbten Beziehungdurch eine Summe abstrakt-sachlicher Vertragsverhältnisse; die Be-trachtung jedes Besitzteilchens wie jeder Vornahme ausschließlichunter dem Gesichtspunkte des Gelderwerbs.
Immer drängt sich dem Landwirt wieder die Freude am Besitzund zwar an dem individuellen, konkreten Besitz, den er just iuuehat, übermächtig auf. Die Verwendbarkeit seines Eigens zu außer-wirtschastlichen Zwecken, die Reize, die es bloß durch sein persön-liches Dasein ausübt, kreuzeu jederzeit wieder das geschäftlicheKalkül. Wirtschaftshof und Vaterhaus, Jagdrevier und nutzbareAckerfläche schmelzen in eins zusammen und damit die Beziehungengemütlicher nnd geschäftlicher Natur, die der Besitzer zu ihnen hat.Die alten Linden, unter denen er als Knabe gespielt hat, sind mitfeiner ganzen Persönlichkeit verwoben, und es gehört schon ein hohesMaß von — faft möchte ich sagen — Roheit dazu, so tausendfachin ihrer lebendigen Eigenart mit dein persönlichen Wesen verwachsene
Sombart, VollSwirtschaft. 2S