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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
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Die landwirtschaftlichen Genvssenschaften,

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alles doch nichts hilft", darf kaum wundernehmen; und ebenso-wenig kann man darüber staunen, wenn, wie in einem der beidenerwähnten Prozesse ziemlich glaubhaft gemacht worden ist, einerdieser jahrelang unbarmherzigst gequälten kleinen Bauern schließlichin seiner Verzweiflung keinen andern Ausweg mehr als den frei-willig gesuchten Tod wußte."

Man erinnert sich bei diesen Worten des prächtigen RomaneDer Büttnerbauer", mit dem uns Wilhelm von Polenz , dieseruuerreichte Keuner der ländlichen Psyche, beschenkt hat.

Ich deutete schon an, daß wahrscheinlich ein großer Teil derin diesen Berichten geschilderten Zustände heute bereits der Ver-gangenheit angehöre. Ihren Höhepunkt scheint in den meistenGegenden die wucherische Ausbeutuug des Landvolkes gegen Endeder 1870 er Jahre erreicht zu haben; das Wuchergesetz von 1880hat wohl schon die allerschlimmsten Übelstände beseitigt. Was abererst recht zu einer Eindämmung oder sogar Zurllckstauung derkapitalistischen Flut geführt hat, ist doch etwas anderes. Es istder Schutz, der dem Bauernvolk durch die während der 1880 erund 1890er Jahre zu rascher Entfaltung gelangende Genossen-schastsbildung zu teil geworden ist. Vor allem gehören hierherdie ländlichen Darlehnslassen; außer ihnen kommen in Be-tracht die Bezugs- und Verkaufsgenossenschaften. Sie allehaben mit Erfolg das gleiche Ziel erstrebt, den Bauern aus denHänden des Wucherers frei zu machen und sind (scheint es) imBegriffe, namentlich für den kleinen und mittleren Bauernstandeine neue wirtschaftliche Organisation zu schaffen. Sie auch nurin den Grundzügen ihres Wirkens darzustellen, gebricht es hier anRaum. Es muß genügen, wenn ich einige ziffermäßige Angabenüber ihre heutige Ausdehnung mache.

Die landwirtschaftlichen Genossenschaften Deutschlands sindin verschiedenen großen Verbänden zusammengeschlossen, von denender größte derAllgemeine Verband der deutschen landwirtschaft-lichen Genossenschaften" ist. Diesem Offenbacher Verbände, der1884 gegründet wurde, sind heute (Ende 1901) in 24 Ver-bänden 42 Zentralgenosseuschaften, 4902 Spar- und Darlehns-kassen, 1457 Bezugsgenossenschaften, 1077 Molkereigenossenschaften