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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
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Wirtschaft und Kullur,

um in den westlicher gelegenen Gutswirtschaften ein paar Monateals Nomaden ihr Dasein zu fristen uud gegen den Winter zu miteiner kleinen ersparten Summe zu den heimischen Penaten zurück-zukehren. Eine Art Zugvögel.

Endlich haben wir noch einer letzten und nicht der geringstenForm des Ortswechsels Erwähnung zu tun: der überseeischenAuswanderung. Wir dürfen die Zahl der Deutschen, diewährend des neunzehnten Jahrhunderts aus ihrer Heimat aus-gewandert sind, um sich jenseits des großen Wassers (meist, wiebekannt, in den Bereinigten Staaten von Amerika ) eine neue Lebens-stellung zu gründen, auf mindestens 5 Millionen veranschlagen.Davon entfällt ein reichliches Viertel (1.3 Millionen) allein aufdas neunte Jahrzehnt (von 1881 bis 1890). Im Jahre 1881erreicht die deutsche Auswanderung ihren Höhepunkt mit 220 902Personen, um dann seit Anfang und zumal seit Mitte der 1890erJahre rasch zu sinken. In den letzten sünf Jahren (1897 bis1901) beträgt sie nur noch den zehnten Teil ihres Maximums(22 bis 24000).

Rechnet man aber alle diejenigen zusammen, die im neun-zehnten Jahrhundert auf dem Wege der Binnenwandernng oder derAuswanderung ihren Wohnort verlegt haben, so wird' man nichtin Zweifel sein können, daß in der Tat während dieser Zeit Teutsch-land eine Völkerbewegung, eine Bevölkerungsumschichtung, eineVölkerwanderung erlebt hat, mit der verglichen die Schiebungender vergangenen Jahrhunderte, einschließlich derjenigen, die mandie Jahrhunderte der Völkerwanderung schlechthin nennt, zuwinzigen Ereignissen zusanmienschrumpfen. Und nun noch dazndie Hunderte von Millionen Reisender! Wahrhaftig: von derVogelschau ans gesehen, gleicht heute das deutsche Reich einemAmeisenhaufen, in den der Wanderer seinen Stock gestoßen hat.

II. Über einige Zusammenhänge zwischen wirtschaftlicherund geistiger Kultur.

Wenn ich es im solgenden unternehme, von den Zusammen-hängen zu reden, die zwischen den veränderten äußeren Lebens-