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Beruf und Besm.
eines bestimmten Einkommens in verschiedenen Zeiten zn ermessen.Nein, es bleibt bei der vollständigen Unvergleichbarkeit, denn dieunwägbaren und nnmeßbaren Umstände bei der Verwendung desEinkommens sind das Entscheidende. Die Lage des Städters oderdes Landbewohners, des Verzehrers von Mehlsuppe oder Kar-toffeln, von Schnaps oder Zeitungen, von Wolle oder Baumwolleist eiue so grundverschiedene, daß man sie niemals in ein reinesQuantitätsverhältnis zu einander bringen kann. Wie will manfeststellen, ob 1000 Mark Einkommen in der kleinen Stadt vorhundert Jahren nnd 1000 Mark Einkommen heute in der Großstadtmehr oder weniger sür den einzelnen bedeuten? Was nützt es zusagen: damals kostete das Brot soviel, heute soviel? Jener aß jaRoggenbrot, dieser ißt Weizenbrot; jener aß früh Mehlsuppe, diesertrinkt Kaffee mit Zucker nnd Milch; jener hatte eine gleich großeWohnung wie dieser zum halben Preise, auch noch ein Gärtchenvor dem Hause, während dieser im Hof vier Treppen hoch wohnt.Aber dafür bekommt der Großstadter mit einem Einkommen von1000 Mark viel billigere Hemden (wenn sie auch nicht mehr solange halten), gut gebrautes Bier, den „Vorwärts" und alle Sonn-tage Freikonzert für sein Geld, kann auch ein paarmal in derWoche in der Straßenbahn fahren und kann zehnmal so viel Briefefür den gleichen Portobetrag absenden. Seine Kinder werden ihmumsonst unterrichtet, während sein Vorgänger vor hundert Jahrensich ein Schwein mästen konnte; nachts wenn er betrunken aus derKneipe kommt, läuft er nicht Gefahr, im Sumpfe stecken zu bleiben,deun die Straßeu sind wohlgepflastert und gut beleuchtet, währendder Kleinstädter vor hundert Jahren doppelt so viel Fleisch essenkonnte uud halb so viel Steuern zahlte. Wer hat denn nun mehr?
Die bloße Zahl besagt noch gar nichts; erst was dahintersteckt, gibt uns Aufklärung über Wesen und Wert einer wirtschaft-lichen Kultur, und deshalb scheint mir auch, als sei (dank der all-gemeinen, auf quantitative Betrachtungsweise gerichteten Zeittendenz)der Erörterung der Einkommensverteilung in der Diskussion über dasWesen und den Wert der wirtschaftlichen Entwickelung oft ein zubreiter Raum angewiesen worden. Ich will einmal geradezusagen: eS ist sür die Beurteilung eines gesellschaftlichen Zustandes