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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
Entstehung
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537
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Die Dcklassierung d.Handwerkertums. Spielerei mit d,WorteMittelstand". 537

heilen vermochte, so hat die Gesamtklasse offensichtlich noch mehran Bedeutung für die Gesellschaft in qualitativer Hinsicht ver-loren. Die ökonomische Stellung aller nicht landwirtschaftlichenHandwerker ist, wie wir wissen, stark erschüttert. Der Kapitalis-mus hat ringsum das Feld erobert und sich auch im Gebiete deralten handwerksmäßigen Tätigkeit häuslich eingerichtet. Vor hundertIahren war die handwerksmäßige Organisation (neben der feudalen)die herrschende, der Kapitalismus trat daneben völlig zurück, heutedominiert er und die Handwerker sind nicht viel mehr als Über-bleibsel aus einer frühereu Periode. Dementsprechend war es wohlselbst für die Mitte des Jahrhunderts noch zutreffend, wenn Marxschrieb-in Deutschland bildet das . . Kleinbürgertum die eigentlichegesellschaftliche Grundlage der besteheudeu Zustände", während manheute dasselbe vom Kapitalismus aussagen kann. Diese Ver-schiebung des Schwerpunktes der wirtschaftlichen Organisationäußert sich nun aber naturgemäß in einer entsprechenden Ver-schiebung des gesellschaftlichen Schwergewichts aus der Handwerker-klasse in die das kapitalistische Wirtschaftssystem vertretenden Klassen,was Wohlhabenheit, Bildung und soziale Geltung überhaupt an-betrifft. Worüber ich das Nähere im 23. Kapitel meines erstenBandes nachzuleseu bitte.

An dieser Tatsache, daß das Handwerkertum, zumal dasstädtische und hier wiederum insonderheit das gewerbliche deklassiert,von andern Klassen an Bedeutung sür die Gesellschaft überholtist, kaun auch das heiße Bemühen nichts ändern, durch allerhandFiktionen sein Ansehen künstlich aufrecht zu erhalten. Dahin rechneich die Spielerei mit dem WorteMittelftand". Währendman nämlich, wie wir sahen, bis um die Mitte des Jahrhundertsunter Mittelstand die Bourgeoisie und das gebildete Bürgertumverstand uud zwar unter Ausschluß der gesamten Haudwerkerklasse(zur Ergänzung der bereits augeführten Zitate diene noch das fol-gende aus Wilhelm von Humboldts Werken:es hat sich ein Mittel-stand erhoben, der weder zu den ehemaligen Zünften noch zum Adelgehört" usw.der Mittelstand drängt an der einen Seite in denBauernstand, auf der andern in den Adel, indem er bäuerlicheund adelige Güter kaust . . ."), ist es seitdem Mode geworden,