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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
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Die sozialen Klassen.

der kapitalistische Unternehmer in Industrie und Handel als traurigeKarikatur zu wiederholen bemüht ist. Weshalb man auch dort,wo das alte Arbeitsverhältnis seinen Charakter bewahrt hat, dieArbeiterschaft ebenso zur Gentilhommerie als Klasse rechnen mußwie den Gesellen alten Schlages zum Handwerk. Die Beziehungenzwischen Feudalherrn uud Arbeiter, könnte man auch sagen, be-halten eine qualitative Färbung, sie lösen sich nicht in das reineQuantitätsverhältnis der proletarisch - kapitalistischen Arbeitsver-fassuug auf.

Dasselbe gilt von den Beziehungen des Edelmannszu der Güterwelt. Auch diese bewahren einen ausgesprochenenqualitativen Zug: der Wald, die Felder,' das Schloß, die Jagd,die Pserde, das Silbergeschirr, in denen der Reichtum des Guts-herrn begründet ist, verschließen sich einer rein quantitativenBestimmtheit in dem Sinne wie der Geldbesitz des Bourgeois.Darum aber auch der abwägenden Vergleichung, ihrer Wertungin Geld. Hier liegt das Geheimnis, weshalb seigneurialer Luxusstets einen Zug von Vornehmheit bewahrt, während bourgeoiserLuxuS alsobald in Protzerei ausartet, weil er mit dem Makelder Quantität behaftet bleibt. Wozu noch bei der Gentilhommeriedie Selbstverständlichkeit des Reichtums kommt, von dein manalso nicht spricht, den man nicht zur Schau zu tragen braucht,wie der Bourgeois, bei dem man ja gar nicht wissen kann vonvornherein, ob er reich ist oder nicht. Selbstverständlichkeit undqualitative Färbung des Reichtums machen das besondere Vor-nehme im äußeren Auftreten des Edelmanns aus, das demBourgeois versagt ist, auch wenn er zehnmal reicher als jenergeworden ist.

Es fragt sich, wie hat die Llasss ieoclale (deren Vertreterich hier in einem reinen Typus geschildert habe, wie er natürlichin Wirklichkeit nicht immer vorzukommen braucht) das für alleQualität und alle Singularität uud Vornehmheit so gefährlicheneunzehnte Jahrhuudert überstanden? Nun, mir scheint: überErwarten gut, wenigstens in ihrer äußeren Geltung. Deklassiertist die Geutilhommerie freilich, wenn man nur auf die Quantitätdes Besitzes Rücksicht nimmt. Vor hundert Jahren gehörte so gut