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Sozialismus und soziale Bewegung im 19. Jahrhundert : nebst einem Anhang: Chronik der sozialen Bewegung von 1750 - 1896 / von Werner Sombart
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tigsten Wurzeln geschlagen hat: der A narchismus. Alleswar aus hundertjähriger Vergangenheit vorbereitet, umihm den Einzug leicht zu machen. Denn was ist denn derAnarchismus im Grunde anderes als die neue Form desreinen Revolutionismus als Methode, kleinbürgerlicherIdeale als Ziel? Sind nicht Ravachol und Caserio die echtenSöhne jener Verschwörertypen, die das soziale Frankreich der1830er und 40er Jahre erfüllen? Giebt es einen legitimerenVater des Anarchismus als Blanaui? Der Anarchismus so könnte man es ausdrücken ist geboren aus der Ver-einigung der Sozialphilosophie des 18. Jahrhunderts mit demRevolutiouismus des 19.; er ist eine blutige Renaissance dessozialen Utopismus.

Wobei noch eines Umstandes Erwähnung geschehen muß,den ich absichtlich bisher nicht berücksichtigt habe, weil es eineHypothese ist, die ich mit eigenem Fragezeichen versehen Ihnenvorlegen möchte. Hat der kleinbäuerliche Charakterdes französischen Agrarwesens eiuen Einfluß auf die Aus-gestaltung, sagen wir gleich der modernen anarchistischen Be-wegung gehabt? Ich meine, ein Zusammenhang zwischenden beiden Erscheinungen müsse bestehen. Freilich ist esfraglich, in welchem Umfange der Anarchismus jemals inden Massen Boden gefunden hat. Aber soviel sehe ich doch:wo es überhaupt den Anschein gehabt hat, als ob anar-chistische Propaganda sich ausbreiten wollte, war es immerin agrarischen Gebieten: ich erinnere an Bakunins Erfolgein Italien und Spanien und eben an die Einnistung desAnarchismus jetzt wieder in Frankreich . Und wo dieländliche Bevölkerung überhaupt einmal zu selbständigerBewegung sich aufgerafft hat, hatte diese Bewegung min-destens immer einen Anflug von Anarchismus. Beispielewieder Italien und Spanien, dann Irland .

Es ist ein interessantes Problem, dessen Erörterung michaber hier, wo ich von der proletarisch-sozialistischen Bewegungzu reden habe, auf Abwege führen würde: ist und weshalb