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darf. Die dialektische Beweisführung - ein erstes Accidens —kann uns daher nicht mehr genügen. Die Theorie von den„Umschlägen", von der „Negation der Negation" u- dgl. mutetuns heute etwas altfränkisch an. Was wir verlangen, isteine psychologische Begründung sozialen Geschehens, undum dieses hat sich Marx wenig gekümmert.
Nun scheint es mir aber gar nicht so schwer, die hiergelassene Lücke auszufüllen. Ich will es, soweit es bei derbeschränkten Zeit, die mir zur Verfügung steht, möglich ist,versuchen.
Warum muß das Ziel, das in der Form des Idealserscheint, für jede proletarische Bewegung notwendig derdemokratische Kollektivismus, d. h. die Vergesell-schaftung der Produktionsmittel auf demokratischer Basissein? Mir scheint, daß folgende Erwägungen die Antwortauf diese Frage enthalten:
Die moderne soziale Bewegung strebt dasjenige an, wasman in das Schlagwort die Emanzipation des Proletariatszusammenfassen kann. Diese nun hat zwei Seiten, eineideale und eine materielle. Ideal kann sich eine Klasse selbst-verständlich nur dann als emanzipiert betrachten, wenn sieals Klasse wirtschaftlich und somit politisch herrschend odermindestens unabhängig geworden ist, das Proletariat, dasin ökonomischer Abhängigkeit vom Kapital sich befindet, alsonur, wenn es diese Abhängigkeit vom Kapital aufhebt. Mankönnte sich vielleicht denken, daß das Proletariat Unternehmerals Angestellte unterhielte, die die Produktion als Beauf-tragte leiteten. Dann aber wäre die Leitung ja nicht mehrin den Händen der Unternehmer wie heute, sondern in denHänden des Proletariats, dieses also Herr der Situation. So-lange diese Herrschaft in irgend welcher Form nicht erreichtist, kann, im Sinne der Klasse gesprochen, von einer Eman-zipation nicht die Rede sein. Ebenso kann materiell nichtdie Rede davon sein, solange diejenigen Umstände weiterwirken, die heutzutage vom Standpunkte der Klasse aus als