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Sozialismus und soziale Bewegung im 19. Jahrhundert : nebst einem Anhang: Chronik der sozialen Bewegung von 1750 - 1896 / von Werner Sombart
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bedeutsamen Gegensatz, der heute, bewußt oder unbewußt, imMittelpunkte der Diskussion steht, der in der Erörterung derbrennendenAgrarfrage" seinen schärfsten Ausdruck findet,richtig zu verstehen, muß ich Sie an früher Gesagtes erinnern,nämlich an jene Stunde, wo ich über die notwendige Bedingt-heit des proletarisch - sozialistischen Ideals Zu Ihnen sprach.Sie entsinnen sich, daß ich dort als eine notwendige Voraus-setzung für die Entwickelung des Sozialismus als des Zielesder modernen sozialen Bewegung die vorhergegangene Ent-wickelung zum Kapitalismus und somit zur Proletarisierungder Massen bezeichnete: also das Bestehen eines durchgängigproletarischen Verhältnisses.

Nun aber erwägen Sie folgendes: Wenn sich das Pro-letariat auf der Basis seiner ökonomischen Existenzbedingungendieses Ziel setzt, wie wird es sich Verhalten zu allen den-jenigen Elementen des niederen Volkes, die diese ökono-mischen Existenzbedingungen nicht haben? Wie soll essich verhalten erstens zu denjenigen Massen, welche nochnicht proletarisiert sind, das ist also z. B. das Kleinbürger-tum? Und noch wichtiger: Wie soll es sich zweitens ver-halten zu jenen Teilen des Volkes, des die möglicher-weise überhaupt gar keine Tendenz zur Proletarisierungbesitzen? Hier entsteht das große Dilemma und dasist der tiefere Sinn der Gegensätzlichkeit die hier zum Aus-trag kommt ^: Soll das Ziel des Proletariates ein wesentlichund vorwiegend proletarisches bleiben oder aber ein vor-wiegend demokratisches werden? Und ferner: wenn dieArbeiterpartei für alle jene Elemente des s^°-, die sich aufder untersten Stufe befinden, sich interessieren will, wie soll siedann sich stellen? Wenn sie eine allgemeine, demokratischePartei, eineVolkspartei ", sein will, was wird dann ausihrem proletarischen Programm? Denn dieses ist klar: alleBegründung sozialistischer Bestrebungen, wie sie heute ver-sucht wird, mit dem Hinweis auf dieNaturnotwendigkeit"der ökonomischen Entwickelung wird hinfällig in dem