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dem wird es leicht fallen müssen, diesen Kampf ehrlich zuführen, im Gegner den Menschen zu achten und ihm nichtweniger lautere Motive als sich selbst unterzulegen.
Denn wie? Ist nach seiner Auffassung der soziale Kampfnicht notwendig wie das Gewitter in der schwülen Atmo-sphäre? Wer in dem Kampfe das künstlich von schlechtenMenschen erzeugte Werk sieht, der freilich mag für diesesBubenstück, für diese frevelhafte und mutwillige Störung dergesellschaftlichen Ruhe auch unehrliche, häßliche Beweggründein dem Erzeuger des Kampfes argwöhnen. Wer aber be-griffen hat, wie der Kampf sich notwendig aus der Ge-staltung des sozialen Lebens selbst ergiebt, wie er nichtsanderes ist als die Gegnerschaft zweier Standpunkte, derenjeder einzelne gleichmäßig durch ein Zusammentreffen objek-tiver Umstände gebildet wurde, gebildet werden mußte, werdie Verschiedenheit der Welt- und Lebensauffassungen, diediesen verschiedenen Standpunkten entsprechen, ebenfalls alsdas notwendige Ergebnis der Verschiedenheit der Lebens-bedingungen ansieht — der sollte doch zu der Ueberzeugungkommen, daß also der Gegner aus ganz denselben Gründenwie er selbst auf seinem Platze steht, daß nicht persönlicheNiedertracht, sondern die zwingende Gewalt des Schicksalsihn dorthin gestellt hat, wo er sein Gegner werden mußte.Dann wird es ihm leicht werden, sollte ich meinen, in ihmden Menschen zu achten, dew er nicht verdächtigen, nichtverhöhnen will, sondern» mit dem er offen und ehrlich zukämpfen entschlossen ist. Sollen wir uns der Genfer Kon-vention im Völkerkriege rühmen als der Frucht fortge-schrittener Kultur, und im Innern unserer Reiche wie! dieBarbaren ohne jede Achtung des Gegners rücksichtslos mitunehrlichen Waffen aufeinander losstürmen?:
Hierin kann uns die englische Entwickelung! als Musterdienen. Sie zeigt uns, wie man im sozialen Leben einengesitteten und civilisierten Kampf zu führen hat. Auch aufdem Kontinent, hoffe ich, wird die humanere Form des