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II. Der Krieg von 1806 und 1807
drängte sie gegen das auf der Nordseite gelegene Burgtor zurück.Freund und Feind mischten sich dabei. Der Herzog von Braun-schweig-Öls, dem dort die Verteidigung anvertraut war, ging miteinem Teil der Besatzung nach preußischer Art dem Feinde ent-gegen, vermehrte dadurch aber nur den Wirrwarr. Die Artilleristender Torgeschütze wagten nicht, in das Durcheinander hineinzufeuern,was schonungslos hätte geschehen sollen, und ehe Hilfe möglich war,drangen die Franzosen in die Stadt ein.
Blücher, der erst durch das Schießen in den Straßen auf dasGeschehene aufmerksam wurde, warf sich schnell auf ein bereit-stehendes Pferd, sammelte von der überraschten Besatzung so vieler konnte, und stellte sich den Eingedrungenen entgegen. Einwütender Straßenkampf folgte, in den selbst die Kavallerie eingriff.Die Überzahl und die größere Gewandtheit der Franzosen imHäuserkampse machten sich dabei nach und nach geltend. Dieanderen noch wacker verteidigten Tore wurden von rückwärts hergenommen, und Blücher mußte sich schweren Herzens entschließen,Lübeck zu verlassen.
Während in der Stadt noch immer gefeuert wurde, sammelteer den Nest seines Heeres, noch etwa 10 000 Mann, nördlich vonLübeck bei Ratkau. Er dachte daran, die Stadt noch einmalwiederzunehmen oder sich nach dem befestigten Travemünde hiuein-zuwerfen. Aber der erste Gedanke siel, weil die Infanterie ihm zuschwach und zu ermattet schien, der zweite ward aufgegeben, alsder Herzog von Braunschweig-Öls die irrige Nachricht brachte, daßdie kleine Feste bereits in französischen Händen sei. Blücherschwankte. Der treue Berater Scharnhorst fehlte ihm in diesemkritischen Augenblick; denn er war in einem Gasthose bei Ausgabeder Befehle überrascht worden und in französische Gefangenschaftgefallen. So entschloß denn auch Blücher sich, die Waffen nieder-zulegen. Nicht alle, die mit ihm waren, teilten die Überzeugung,daß dies unvermeidlich sei. Auch jetzt noch war die Kampflustnicht völlig bei ihnen erloschen, und die Meinung unter denOffizieren verbreitet, daß hier dem wackeren Kämpen, der sie führte,einmal Kraft und Entschlossenheit versagt hätten. Selbst der Stärkstekann von einem Augenblick der Schwachheit übermannt werden.
Mag dem sein wie ihm wolle. Seinem Untergange fehlte derheldenhafte Zug nicht. Hell leuchtete inmitten all der Schwächeund Verzagtheit, die sich ringsumher kund gaben, das Beispiel des