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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
Entstehung
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I. Das preußische Heer in der zweitenHälfte des ^8. Jahrhunderts

König Friedrich II. erhob Preußen durch die Schlesischen Kriegezu einer Großmacht, ehe die natürlichen Mittel des Staates für einesolche Rolle hinreichten. Aber die politische Lage in Europa beim TodeKaiser Karls VI. hatte ihm keine Wahl gelassen. Die Gelegenheit,das reiche Schlesien für Preußen zu erwerben und dieses in Wahr-heit erst aus einen: Kurfürstentums in ein Königreich umzugestalten,wäre nicht wieder gekommen, wenn Osterreich den Frieden mitseinen Feinden geschlossen hätte. Die Geschichte läßt den Monarchenund Feldherrn nur selten die Zeit, alle Vorbedingungen für denErfolg zu erfüllen. Wer darauf wartet, läuft Gefahr, nur ver-lorene Gelegenheiten zu betrauern. Die wahre Größe rechnet mitunvollkommenen Mitteln.

Viel war auch schon vor ihm geschehen. Sein Vater hinter-ließ ihm ein Heer, das an Stärke weit über das Maß hinausragte,welches die Kräfte des noch armen Landes ihm bei gewöhnlichemLaufe der Dinge gesteckt hätten. Durch eine weise und überausstrenge Verwaltung hatte er es verstanden, sie gleichsam zu ver-doppeln.

Ein tief gegründetes Pflichtgefühl beseelte dieses Heer, undeine eiserne Disziplin beherrschte es. Die Infanterie war die best-ausgebildete der Welt. Sie allein entschied Friedrichs ersten Siegbei Mollwitz. Mit einem so vorbereiteten Werkzeuge ließ sich dasgroße politische Unternehmen deS >VchiiM wagen.

Gleich nach dem ersten Schlesischen Kriege aber nahm er dieVermehrung nnd Umbildung der Truppen in die Hand und setztediese Arbeit in rastloser Tätigkeit bis zu dem entscheidendenSiebenjährigen Kriege fort.

Die Grundlagen der Heeresverfassung, wie er sie von seinemVater übernommen hatte, vermochte er nicht wesentlich zu ändern.Preußen war damals noch zu dünn bevölkert und das Land vielzu wenig entwickelt, als daß es möglich gewesen wäre, ein nur ausLandeskindern gebildetes Heer von ansehnlicher Stärke aufzustellen.Der Nährstand konnte seiner Wirksamkeit noch nicht auf längereZeit entzogen.werden.

Frhr , v. d. Goltz, Kriegsgeschichte 1