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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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129
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Das französische Heer nach der Schlacht 129

Flügels und das eben eingetroffene Korps Ney. Ob das genügte,um den Kampf am Morgen wieder aufzunehmen, mußte auch demstolzen Selbstvertrauen des Kaisers zweifelhaft erscheinen. Unterden Marschällen gab sich Unzufriedenheit mit dem Gang der Dingekund. Die Mannszucht im Heere hatte sich bedenklich gelockert.Scharen von Nichtverwundeten verließen das Schlachtfeld; derHunger und wohl auch Mißmut über die ungewöhnlichen Stra-pazen, Verdruß über die geringen Erfolge, trieb sie aus Reih'und Glied. Vor den Marodeuren waren selbst die eigenen Offizierenicht mehr sicher; bis auf das linke Weichselufer hin zerstreuten siesich bandenweise, raubten und plünderten. Die Not hatte schondie gewohnten Fesseln gesprengt. Ein bedenklicher Vorgang, Plötz-lich ausbrechende Panik, wie sie Hohenlohes eine Division von Jenaergriffen, hatte sich auch in der französischen Armee bei Eylauspüren lassen. Die russische Kanonade gegen das Städtchen am8. morgens rief Verwirrung und Flucht hervor. Nachmittags um1 Uhr ereignete sich ähnliches, als der verwundete Marschall Augereaumit großem Gefolge die Stadt durchfuhr und das Pferdegetrappelfür dasjenige einer feindlichen Reiterschar genommen wurde. Wärendie Russen stehen geblieben, so war zweifelhaft, was geschehen seinwürde. Erwogen hat Napoleon den Rückzug; einen wirklichenRückzugsbefehl hat er nicht gegeben.Es ist möglich, daß ich michan das linke Weichselufer begebe, um in ruhigen Winterquartiere«gegen die Kasaken und die Schwärme leichter Truppen geschützt zusein," ließ er um 4 Uhr morgens an Duroc schreiben.

8. Von Eylau bis zum Tilsiter Frieden

Die unerwartete Nachricht, daß der Feind das Schlachtfeldfreiwillig verlassen habe, die Napoleon in der Hütte des Ziegel-brenners empfing, ließ seine elastische Natur sofort wieder empor-schnellen. Er erkannte im Augenblick, daß sein Glück ihn aus derschwierigsten Lage befreit habe, in der er sich jetzt befunden hatte.Nun vermochte er Europa zu verbergen, daß er soeben ein halbgeschlagener Feldherr gewesen sei, und zögerte nicht, seine Maß-regeln danach zu treffen. Obgleich die große Armee, wie er wohlwußte, keiner neuen Anstrengung mehr fähig war, gab er doch seine

Frhr. v. d. Goltz, Kriegsgeschichte 9