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IV. Die Befreiungskriege
gleich, der inneren Verfassung nach aber bei den Verbündeten er-heblich überlegen. In ihren Reihen standen die kräftigeren Sol-daten von reiferem Lebensalter und gründlicherer Ausbildung fürihren Beruf. Die Franzosen hatten dafür das Genie des Kaisersan ihrer Spitze für sich. Schwer war vorauszusehen, welchenAusgang der kommende Riesenkampf haben würde.
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Die Entwürfe für denselben wurden während des Waffenstill-standes erwogen. Jeder der beiden verbündeten Monarchen, KaiserAlexander sowohl als König Friedrich Wilhelm, stützte sich aufeinen Berater, der sein besonderes Vertrauen genoß. Es warendies die Generale Toll und Knesebeck , die natürlich verschiedeneKriegspläne bereit hielten. Bernadottes Feldherrnansehen erforderte,daß man seine Meinung gleichfalls höre. Er durfte nicht über-gangen werden. Als zu Ende des Waffenstillstandes Österreich imBunde erschien, gesellten sich neue Vorschläge hinzu.
Zu Trachenberg in Schlesien kamen zunächst Alexander,Friedrich Wilhelm und der Kronprinz von Schweden zusammen,dem man willig den Oberbefehl über alle auf den nördlichenTeilen des Kriegsschauplatzes versammelten Streitkräfte einge-räumt hatte.
Uns würde heute nichts natürlicher erscheinen, als mit den dreigroßen Heeresgruppen einheitlich gegen das gemeinsame Ziel, dieHauptmasse der französischen Armee, vorzugehen, diese anzugreifenund, gestützt auf die höhere innere Tüchtigkeit der Truppen durchwuchtige Schläge am Ende zu zerstören. Aber noch lag die Zeitder künstlichen und gelehrten Kriegführung zu wenig weit zurück,um einfache Entwürfe gelten zu lassen. Einem so rohen Grund-gedanken, wie der Vernichtung des Gegners durch die Schlacht,räumte man noch nicht das Vorrecht ein. Ohne Aufwand an„Geist der Kombination" durfte es nicht abgehen. Auch gab esim ganzen Heerlager der Verbündeten wohl nur drei Männer,denen der Gedanke eines Angriffs gegen den bisherigen ÜberwinderEuropas nicht als eine Ungeheuerlichkeit erschien. Das warenBlücher, sein Stabschef Gneisenau und Toll. Alle anderen stimmtenfür Vorsicht, für Lavieren, Abwarten und Ermüden. Bernadotteging gar darauf aus, sich jederzeit möglichst weit ab von der