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IV. Die Befreiungskriege
seine Hilfe nötig. Oudinot hätte besser getan, zu bleiben, wo ereinmal war. Unter solchen Umständen darf ein Unterfeldherr vomGehorsam absehen. Ney vermochte von seiner Stelle aus denStand der Dinge bei Reynier nicht zu übersehen. Er wolltenoch immer auf Jüterbog vordringen, wozu es längst zu spät war.Nicht dort, sondern südlich der Ahe bei Göhlsdorf lag im Augen-blicke die Entscheidung. Oudinot erkannte das, und dennoch ge-horchte er. Die persönliche Verstimmung über seine Entfernungvom Oberkommando ließ ihn Neys Anordnung wörtlich befolgen,obschon Reynier ihn bat, ihm wenigstens eine Division zu lassen.Er marschierte rechts ab.
Zur gleichen Zeit kam Bülow nach dem rechten preußischenFlügel hinüber und befahl einen allgemeinen Angriff. Reynierwurde geworfen und verlor nicht nur Göhlsdorf , sondern auch dienördlich davon gelegene Windmühlenhöhe mit den darauf stehendenGeschützen. Der linke Flügel der französischen Schlachtlinie warum 5 Uhr nachmittags eingedrückt, das Schicksal des Tages jetztendgültig entschieden.
Seinem Gedankengange beharrlich folgend, hatte Ney in-zwischen einen letzten Offensivstoß Bertrands von Rohrbeck ausbefohlen, und es spricht für die Bravour der jungen französischenTruppen, daß dieser Befehl noch ausgeführt werden konnte. Nachkurzem vorübergehenden Erfolge aber brach das Korps zusammen,noch ehe Oudinot zur Stelle war.
Bei Göhlsdorf trafen jetzt auch schon russische und schwedischeTruppen, namentlich Kavallerie uud Artillerie ein. ReyniersBatterien, die auf den Höhen östlich Göhlsdorf in Stellung ge-gangen waren, um den Ansturm der Preußen aufzuhalten, mußtenabfahren, und das französisch-sächsische Korps eilte gegen Oehna hinzurück. Es zog auch das noch im Marsche befindliche Korps Oudinot in den Strudel hinein, und der breite Strom der Weichenden wälztesich nach Oehna hin, wo auch Bertrand eintraf. Hier ging der letzte Haltder bis dahin noch leidlich geordneten Truppen verloren. In wilderAuflösung eilten sie zum Teil dem südlich Oehna gelegenen Walde zu.Erst die Dunkelheit machte der Verfolgung ein Ende, bei der sichnamentlich russische und schwedische Batterien sowie die russische Kavallerie betätigt hatten. Zahlreiche Gefangene und Geschützewurden die Beute des Siegers, viele Bataillone waren völlig zer-sprengt worden. Ney hatte eine vollständige Niederlage erlitten.