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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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Zustand der beiden Heere im September 1313

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reich Westfalen für aufgelöst, führte 2000 Gefangene, 30 Geschützeund den Inhalt der Staatskassen fort und stellte aus westfälischenFreiwilligen ein Bataillon für die Verbündeten auf. Dann er-reichte er auf Umwegen wieder die Nordarmee, die inzwischen überdie Elbe gegangen war und an den Kämpfen um Leipzig teilge-nommen hatte. Kehrte König Jerüme auch für kurze Zeit nocheinmal in seine Hauptstadt zurück, so war ihm und aller Weltdoch klar geworden, auf wie schwachen Füßen die französischeHerrschaft in Deutschland schon stand.

Des Kaisers Genie reichte nicht mehr ans, die Mängel imHeere und in der Führung zu ersetzen. Seine Marschälle undGenerale zeigten sich den Anforderungen nicht gewachsen. Die furcht-bare Niederlage von Dennewitz erklärt sich vornehmlich daraus,daß Ney und Oudinot in Bülow und Tauentzien auf zwei größereGegner gestoßen waren.Mein Schachspiel kommt in Verwirrung,"schrieb Napoleon zu Ende September an Marmont.

Die Armee begann den Dienst zu versagen. Die Truppemurrte, weil sie sich vielfach mit gleichgültiger Sorglosigkeit be-handelt sah und entsetzlichen Mangel litt. Der Kaiser sah dieDinge nur noch, wie er sie sehen wollte, und seine Menschenver-achtung, seine Geringschätzung der Massen wandelte sich mehr undmehr in Überanstrengung der Truppen um. Seine Unterfeldherrenwaren reich an Titeln, Ehren, Gold und Erfolgen aller Art ge-worden. Sie sehnten sich nach Ruhe und Genuß. Das Heer fingan des Krieges überdrüssig zu werden; den härtesten Proben unter-worfen, löste sein weicher Stoff sich auf. Ganz Mittel- und West-deutschland bedeckte sich mit französischen Marodeuren.

Mit jedem Tage steigerten sich Kraft und Zuversicht derGegner. Die jungen Truppen, von denen manche ohne hin-reichende soldatische Schule, anfangs bei jedem Zusammenstoß mitdem Feinde der Auflösung nahe gewesen waren, gewannen imkriegerischen Leben an innerem Halt und mit den Erfolgen anSelbstvertrauen. Ihre Führer aber, die, soweit sie die höherenStellen einnahmen, alle die brennende Schmach der Unglückszeiterlebt und zu tilgen hatten, waren von frischer Spannkraft undbeseelt von dem glühenden Wunsche, den alten Ruhm des preußi-schen Heeres und deutscher Waffentüchtigkeit wieder aufzurichten.Die theoretische Vorbildung, welche sie aus der Aufklärungsperiodein die neue Zeit der eisernen Praxis mit hinübergebracht hatten