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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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IV. Die Befreiungskriege

am 10. nachmittags in Düben eintraf und dort in dem kleinenSchlosse abgestiegen war, erkannte er, daß Blücher ihm wiederentgangen sei.

Da gebar der Unmut in seiner Seele einen der schönstenPläne, die er je gefaßt. Er wußte, daß Schwarzenberg im An-märsche auf Leipzig war und daß das Netz seiner Gegner sich umihn zusammenziehen müsse, wenn er sich nicht mit kühnem Ruckdaraus befreite. An diesen dachte er. Er glaubte und durfteden Umständen nach glauben, daß Blücher und der Kronprinzvon Schweden im Begriffe wären, vor ihm über die Elbe zurück-zugehen. Beim Übergange hoffte er, sie zur Schlacht zu zwingen,sie zu schlagen und dann selbst die Elbe zu überschreiten, um seinenMarsch am rechten Ufer auf Magdeburg zu richten. Murat solltesich inzwischen bei Leipzig zu halten suchen, aber, wenn das nichtanging, sich über Eilenburg und Düben heranziehen, um ihm ansrechte Elbufer zu folgen. Damit wäre dem Fürsten Schwarzenberg das Ziel seines Vormarsches entzogen, der Strom zwischen diefranzösische und die böhmische Armee gelegt worden, die beidenanderen verbündeten Heere aber so hoffte Napoleon würdeer ernsthaft geschädigt und geschwächt haben. Seine bisherigenVerbindungslinien wären darüber verloren gegangen, aber diegroßen Erfolge im Norden hätten ihm neue eröffnet.

Dieser geniale Entwurf bedürfte nur der tatkräftigsten Aus-führung, um zu geliugen. Allein daran fehlte es, des KaisersCharakterstärke und Energie standen nicht mehr auf der Höheseiner Erfindungsgabe.

Er wurde schnell wieder unschlüssig. Am Abend des 10. Ok-tober erwog er die Verstärkung Murats, ja die Rückkehr nachLeipzig. Tags darauf setzte er die Bewegung zur Elbe fort. DieEinschließungsabteilung von Wittenberg wurde auf Coswig zurück-gedrängt, Tauentzien zu dem übereilten Abmärsche von Dessau veranlaßt. Schrecken verbreitete sich im Hauptquartier der Nord-armee. Dort sah man den Gefurchtsten schon auf dem siegreichenMarsche nach Berlin . Der Kronprinz wollte wieder über dieElbe zurück.

In der Nacht zum 12. Oktober traf jedoch in Düben dieMeldung vom Marsche der schlesischen Armee nach der Saale ein,und das Unerwartete übte wie immer seine Wirkung. Die Mög-lichkeit, Blücher am rechten Elbufer zu schlagen, war geschwunden.