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Allgemeingültigkeit fordernder „Kulturwert“ feststeht. Ausder unendlichen Mannigfaltigkeit wertneutraler Verände-rungen heben sich dann gewisse Vorgänge heraus, dieder Verwirklichung jener wie immer gestalteten Kulturwertedienen: Geschichte! Insofern sagt der alte Röscher mitRecht, dass nur die praktisch-sittliche Vernunft Geschichteverstehe. 76 .
Auf dieser Grundlage haben unsere grossen Historikergebaut. Auf derselben wird neuerdings in den SchriftenWindelbands, vor allem Rickerts, M. Webers u. a. eineMethodik der Geschichtswissenschaft geschaffen. DieScheidung von Naturwissenschaft und Geschichte beruhtdanach auf Verschiedenheit der Methode, nicht des Gegen-stands. Man scheidet bekanntlich naturwissenschaftliches(nomothetisches) und geschichtswissenschaftliches (idio-graphisches) Verfahren. Letzteres steht, sowohl wasseine Voraussetzung als was seine Anwendung angeht,in unversöhnlichem Widerspruch zu dem historischenMaterialismus.
Wie die Naturwissenschaft, so ist auch die Geschichts-wissenschaft von Kant kritisch begründet worden, wennauch bei ihm neben einer voll ausgebildeten Theorie derNaturwissenschaft nur erst die Keime einer kritischenGeschichtsphilosophie vorhanden sind.
Um aus der ungeheuren Masse wertneutralen Ge-schehens einen allgemein wertvollen Verlauf herauszuheben,hiezu bedarf es der Vorstellung von der Geschichte alseines einmaligen, Kulturwerte verwirklichenden Wert-verlaufs. Dieser Gedanke ist in Kants Lehre von der„Gattung“ als „moralischem Ganzen“ vorgebildet und vonFichte und Hegel auf die Höhe geführt worden. Ihm liegtdie Annahme eines letzten, überhistorischen, wenngleichin der Geschichte sich entfaltenden Wertes zu Grunde— also jene Wertbejahung, der das Denken eines Marxvon Grund aus entgegen ist. Wem die Geschichte über-haupt keine Werte verwirklicht, dem muss es folgerich-
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