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sich annehmen oder bekämpfen kann, ohne den Kerndes Marxismus zu berühren. Zudem ist diese Mehrwert-lehre in sich widerspruchsvoll, indem bekanntlich die ge-schlossene Auffassung des I. Bandes im III. Bande des„Kapital“ durchbrochen worden ist.
Die berühmte Mehrwertlehre des ersten Bandes isteine Fortbildung der objektiven Wertlehre des BourgeoisRicardo, dessen Theorie für Marx „die wissenschaftlicheDarlegung des gegenwärtigen ökonomischen Lebens“bedeutet 82 . Diese Wertlehre wurzelt bekanntlich in grauerVorzeit, in den Schriften der Kirchenväter und Schola-stiker und ist, wie Brentano ausführt, entstanden „nichtals Lehre vom Seienden, sondern Seinsollenden, als Pro-test gegen die Welt“. Bei Marx wirkt das justum pretiumfort, der Wert, wie er sein sollte. Vermittelt wird dieseAuffassung durch die Lehre vom „natürlichen Wert“in der „naturgemässen Volkswirtschaft“, welche den Na-tionalökonomen des 17. und 18. Jahrhunderts als die „nor-male“ im Sinne des Wertvollen vorschwebte. Schon dassMarx den Mehrwert immer wieder als „Ausbeutung“ —also als Beute, Raub — bezeichnet, deutet auf die Beein-flussung seinswissenschaftlich - psychologischer Problemedurch ethisch-politische Hintergedanken. So haben auchdie Marxisten — trotz Marxens Einspruch — die Mehr-wertlehre immer wieder als Argument für den politischenSozialismus benützt.
Im Gegensatz zur Lehre des I. Bandes lässt bekannt-lich der III. Band des „Kapital“ in der entwickelten kapita-listischen Gesellschaft die Waren nicht zu ihrem Arbeits-wert, sondern zu ihren Produktionspreisen veräussert werden,womit das Wertgesetz aus dem Bewusstsein der werten-den und preisbildenden Individuen verschwindet. Wie estrotzdem „hinter ihrem Rücken“ wirksam wird, ist eineDoktorfrage, die Marx seinen Schülern aufgegeben unddie zu „Vereinigungsversuchen“ geführt hat, wo offen-kundiger Zwiespalt der Lehre zugegeben werden sollte.