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man sich dagegen weichherzig mit einer breit verteiltenMittelmässigkeit des Glückes, so bleibt die Frage offen,weswegen die auszuschüttenden Lustgefühle auf die eigenenKlassen oder Volksgenossen oder auch nur auf die Mensch-heit zu beschränken seien. Schon Kant stellte die Frage,ob es nicht ebenso gut gewesen wäre, wenn die InselOtaheiti von glücklichen Rindern oder Schafen als vonglücklichen Menschen besetzt gewesen wäre 95 . Diese Fragegewinnt heute um so mehr Gewicht, nachdem Darwin dieGrenzen zwischen den einzelnen Spezies verflüssigt hat:Die „Menschheit “ hat aufgehört, eine geschlossene Weltfür sich zu bedeuten.
Nur wo objektive Kulturzwecke feststehen, kann dieBefriedigung des eigenen oder fremden Glückseligkeits-triebes unter Umständen normativen Wert gewinnen. Sostreift Kant — weit entfernt vom Rigorismus, dessen ihnMissverständnis bezichtigt 96 — äusserlich betrachtet, manch-mal an Hedonismus heran. Sich und andere der Lebens-freude zu berauben, widerspricht der Pflicht. Gesundheit,auskömmliches Dasein, verständige Bemessung der Arbeits-zeit und andere sozialpolitisch gute Dinge sind als Grund-lage der Kultur anzustreben; sie fördern jene „fröhlicheGemütsstimmung“, die nach Kant Pflicht ist, weil man„ohne sie nie gewiss ist, das Gute auch lieb gewonnen zuhaben“ 97 . Die uns aufgegebene künstleriche Kultur bedarfder vollen und heiteren Bejahung des sinnlichen Daseins,vor allem der Freude am schönen Menschenkörper. Kant verteidigt „die veränderlichen Erfindungen des Putzes“als im ästhetischen Wesen der Frau begründet 98 . Aberalles dies ist weit entfernt von Schlaraffia. Aus dem Meerschwankender Glücksberechnungen ragt der Felsen derpraktischen Vernunft: Im Konflikt zwischen Pflicht undNeigung ist auf letztere „garnicht Rücksicht zu nehmen“.Solche Konflikte werden auch den Zukunftsstaatlern nicht er-spart sein. Der „heilige“ (konfliktlose) Wille ist übermensch-lich, nicht anders als der im Schaffen erkennende Gottesgeist.