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Marx oder Kant? : Rede, gehalten bei der öffentlichen Feier der Übergabe des Prorektorats / von Gerhart von Schulze-Gävernitz
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Leben zu treten,aber ohne die idealisierende Kraft dabeieinzubüssen l0 °. Zu diesem Zwecke erfasse er sein EndzielalsIdee im Sinne unserer klassischen Vorzeit einewiges, stets anzunäherndes, nie voll erreichbares Ziel, alsallgemein verbindliche Aufgabe, wie es derVorwärtsschon einmal gelegentlich der Kantfeier 1904 getan hat:Als ewiger Grundsatz aller Sittlichkeit gedacht, kann sichder Sozialismus logischerweise gar nicht in einer bestimmten,zeitlich bedingten Gesellschaftsordnung manifestieren underschöpfen. Diese Ethik steht über allen konkreten Ge-sellschaftsordnungen, und sie bedingt an sich keine be-stimmte Ordnung. Nur muss sich jedes Gemeinschafts-wesen, wenn anders es sein Kulturrecht erweisen will, anjenem sittlichen Ideal messen.

Von diesem Standpunkt aus müssen die Zwischen-glieder, in denen die Idee schrittweise sich entfaltetdiese von Marx so jämmerlich vernachlässigten geschicht-lichen Gebilde neues Leben gewinnen.

Unter ihnen voran steht die sich selbst gestaltende,auch wirtschaftlich selbstverantwortliche Persönlichkeit 101 ,dieses Erbstück unserer klassischen Vorzeit, dessen unend-lich reichen Inhalt Marx zu Gunsten blutleerer Gedanken-gebilde desKapitalisten, desProletariers ver-schleudert. Durch die Persönlichkeitsidee übertrifft diedeutsche Kultur den westeuropäischen Liberalismus, demdie deutsche Sozialdemokratie vielfach nachgebetet hat.Auf die Persönlichkeitsidee gründet sich die kulturelle Be-deutung des Privateigentums. Seine Beschränkung oderteilweise Vergesellschaftung durch Staat und Kommunewird eine praktische Frage von Fall zu Fall, wobei fürVerstaatlichungs- und Kommunalisierungsbestrebungen dieQualität des zur Verfügung stehenden Beamtentums dieHauptrolle spielt. Gegenüber einer grundsätzlich bestech-lichen Beamtenschaft wäre laissez faire immer noch diesicherste Politik.