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3 (1895) Politische Schriften von 1848 bis 1868
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mutier bei der Hochzeit ihres Enkels. Rührender, freudig-wehmütiger Anblick! Was hat sie nicht alles gesehen underlebt, und auf einmal soll sie in ihrem hohen Alter mitzum Tanze gehen. Gutmüthig läßt sie sich schmücken, mit-führen und bemüht sich, fröhlich auszusehen; aber es kammir vor, als dächte sie im Stillen an die Leiden ihrer be-grabenen Kinder und getraue sich nicht, ein Herz zu fassen.Eine Schaar Sachsenhäuser Schützen machte einen guteuEindruck; Leute in grünen Kitteln und grauen Filzhüten,aber nicht geleckt und gestriegelt, sondern bestaubt, gebräuntund bärtig. Auf den Schultern trugen sie sinnreiche Peti-tionen jeder eine gute Doppelflinte. Vor einem Hauseauf der Zcil hielten sie an uud gaben eine Salve; ein kleiner,ältlicher Mann im schwarzen Gelehrtenhabit trat ans Fensterund redete sie an. Es war Jordan.*) Die ersten Wortekonnte ich nicht verstehen. Der Rest lief darauf hinaus: siemöchten doch nur für die Ordnung Sorge tragen, damit diewichtige Versammlung in ihrem Geschäft nicht gestört werde.Die guten, lieben, alten Herren! Wenn sie nur nicht garzu gut, zu lieb und zu alt wären. Bis heute Mittag waren246 Deputierte eingeschrieben. Wenn es wahr ist, daß dieganze Hessen -Darmstädtische erste Kammer sich unter derZahl befindet, so ist die deutsche Geschichte witziger und fri-voler, als der liebe Heinrich Heine selber. Was von derVersammlung zu erwarten steht, weiß man hier noch nichtbesser, als anderswo gar zu viel Wohlwollende und garzu wenig Wohlgemute. Eine vorbereitende Besprechunggestern Abend im Weidenbusch soll heftig gewesen sein, indem

*) Sylvester Jordan , geborener Tyroler, später Professor inMarburg , eines der unschuldigsten Opfer der niederträchtigen kur-hessischen Regierung. Nach zwölfjähriger harter Gefangenschaft warder in oberster Instanz frei gesprochen. Im Jahre 1848 gehörte er zuden zahmsten, schüchternsten alten Liberalen, gleich noch so manchemanderen vormaligen Märtyrer der alten deutschen Despotenlaune.