Die intolerante Toleranz.
Den 30. April 1848.
Je weniger öffentliches Leben, desto mehr Verschieden-heit in der Denkungsart einzelner Teile der Gesellschaft.Still, wie wir bisher in Deutschland lebten, schöpfte Jedernur aus seinem eignen Selbst, seiner Beschäftigung und Um-gebung das Maß seines Urteils. Kein größerer Kontrastkann gedacht werden, als der, welcher zwischen den Ansichtendes behäbigen Mittelstandes und den Resultaten der denkendenKritik herrschte, die, gewissermaßen auf einem archimedischenPunkt außer der Erde stehend, das ganze alte Weltgebäudeim Geiste aus den Angeln gehoben hatte. In der Harm-losigkeit eines Lebens, das kaum mehr als den Raum zueiner Existenz hergab, bewegten sich diese Kontraste friedlichneben einander: von der einen Seite beschränkte Selbst-zuversicht, die Nichts außer dem Bereich ihrer eigenen Sinnes-art kannte, von der anderen höfliche Schonung und Resig-nation. Kaum daß einmal bei den religiösen Kämpfen einVorposten der Kritik, oder — wenn man es gar so nennenwill — der Negation mit den Anschauungen der Masse insGefecht kam. Da schlägt plötzlich eine Krise herein, eineKrise, so mächtig, daß die ungeheuersten Ergebnisse daraushervorgehen können. Die, welche in Gedanken weit über die