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jetzige Weltgestaltung hinausgegangen waren, hatten nicht blosdas Ziel, sie hatten auch die Methode großer Revolutionenzu erwägen Zeit gehabt und sich durchdrungen von der Über-zeugung, daß entschlossenes Ergreifen des unwiederbring-lichen Moments die Grundwahrheit aller mächtigen Ver-besserungen sei.
So ist es gekommen, daß auf einmal lange verhaltene,bisher fremde Ideen hervorbrechen und mit Ungeduld, mitrücksichtslosem Vordrängen sich geltend machen. Man wirftihnen Heftigkeit und Schonungslosigkeit vor, weil sie unduld-sam, ungestüm auftreten. Auch dieser Vorwurs rührt ausder alten Zeit blasser Gleichgültigkeit her. Wo nichts zuerreichen war, steckten die Meinungen kaum den Kopf ausdem Fenster und wünschten sich einen freundnachbarlichenGuten Morgen. Jetzt auf einmal die Entscheidung auf derStraße! Aus den Häusern stürzen die Meinungen hervor,die höflichen Nachbarn fahren mit den Köpfen aneinander,sie sind — Parteien! Wie kindisch, Wehe zn schreien überdiese Spaltungen, Bekriegungen, welche den „schönen" Friedenstören. So lange Keiner was wollte, waren wir höfliche,einige Leute, jetzt zum erstenmal giebts einmal Etwas zugewinnen, jetzt ist der Sieg der einen Überzeugung die Nieder-lage der andern — und Ihr klagt, daß die höfliche Ver-träglichkeit der Nachbarn, die „Einigkeit der Bürgerschaft"gestört ist. Ihr klagt, wenn eine Zeitung rücksichtslos Parteiergreift, weil Ihr gewöhnt wart, nur solche zu lesen, diegar nichts wollten; Ihr klagt über die Heftigkeit der Mei-nungen, weil Ihr nichts kanntet, als Dispute beim Weinoder Thee. Was verfocht, was konnte denn früher eineZeitung verfechten? Man deklamirte zur Unterhaltung,nicht zur Überzeugung — denn das war nicht nötig — vonPreßfreiheit und deutscher Flotte, höchstens stritt man, mitSöldlingen auf beiden Seiten, um Zollsysteme. In derPolitik wie in der Religion stolzirte eine vergnügte Halbheit