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3 (1895) Politische Schriften von 1848 bis 1868
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als Fortschritt und Aufklärung unwidersprochen einher. Der-selbe unwidersprochene Kampf, wie um Preßfreiheit undMünzgleichheit, wurde, fast ohne Gegner, wider Buchstaben-und Wunderglauben geführt. Daß eine Meinung da sei.welcher dies lange nicht genug ist, wußte man kaum. WasWunder, daß man sich auf einmal skandalisirt, da sie her-ausbricht, weil sie glaubt, daß die Zeit einen Sprung zumachen im Begriffe und seit dreißig Jahren nur zurückgegangenist, um einen bessern Anlauf zu haben? Vielleicht ver-ziehe man noch die grelle Farbe der Meinung, aber dieHeftigkeit ihres Auftretens wird durchaus verdammt. Aber-mals, weil man der Kämpfe aus heiliger Überzeugung ent-wöhnt ist.Nichts erbitterter, als Religionskriege" ist eingangbares Wort. Aber woher denn diese Erbitterung? Ganzeinfach, weil die Religion immer eine Sache der vollsten,ernstesten Überzeugung war und kein Paradegaul fürFort-schreitende" undAufgeklärte." Darum sind Religions-kämpfe erbittert, und darum sind es alle Kämpfe, die ineinem heiligen, ganzen Glauben geführt werden. Verächt-lich ist die Religion, welche nicht Proselyten machen will,verächtlich die nicht fanatische Religion, welche ihr Größtesund Wichtigstes als eine Nebensache hinstellt und nicht dieäußerste Kraft anwendet, es Allen beizubringen. Es ist un-haltbar, vom religiösen Standpunkt aus dem Fanatiker zu-zurufen: Störe nicht den sanften Frieden der Bürger undFamilien um der Religion halber. Er hat Recht: die Re-ligion, an die er glaubt, steht über all dem und ist für Allemehr wert, als jene Güter. Die, welche ihm wehren wollen,haben keine Religion. Das sollen sie zugeben, daß sie ihmSchweigen auferlegen wollen im Namen der Irreligiosität;das ließe sich hören; aber ein ernster, braver Mensch kannnie zu frieden sein, einen nach seiner Meinung beseligendenGlauben in der Tasche herumzutragen. Die Religion unsererZeit heißt: Politik und unser Bekenntnis: Freiheit! Und