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land und mit dem jetzigen Napoleon haben wir nicht selbsterlebt, als es sich darum handelte, mit Hilfe der europäischenZentralpolizei die eigenen getreuen Untertanen zu maßregeln,welchen man jetzt mit solcher Entrüstung den Erbfeind de-nunzirt. Die Deutschen vollends sind noch mehr als jederandere Stamm frei vom barbarischen Fremdlingshaß undgar von dem Ehrgeiz, nach Außen zu herrschen. Wie könnteauch in einem Volk, das nie zu einer staatlichen Organi-sation und zu nationaler Einheitsform gekommen ist, derDrang bestehen, fremde Länder zu unterjochen? Ehe wirfremdes Gut besitzen wollten, müßten wir doch uns selbstbesitzen. Aber die gelehrte Burschenschaftsmaskerade will unsjetzt weiß machen, wir hätten von jeher den Beruf gefühlt,über Italien zu herrschen, weil deutsche Landsknechte fürSold und Plünderungsrecht in Italien hausten! Als hättensie nicht auf allen Seiten für und wider jedes Land undjeden Herzog hundertmal in derselben Schlacht sogar gegen-einander gekämpft, in Frankreich, in Italien, in Spanien und wo nicht? als hätten die Schweizer , die Schotten undalle abenteuer- und rauflustigen Völkerschaften nicht dasselbegetrieben! Wenn die Deutschen der Stimme ihres eigenenRechtsgefühls und dem Vernunftschluß aus ihrer ganz gleich-artigen Unglückslage folgten, so würden sie der italienischenEinheitsbestrebung aus tausend Kehlen zujauchzen.
Aber wer das jetzt ausspricht, der wird als sentimen-taler Faselhans niedergeschrieen. Denn in diesem politischenKunstgriff liegen abermals zwei Geheimnisse der modernenVolksausbeutung begraben. Einmal das Niederschreien über-haupt. Wo die Herren einen Grundsatz hervorkeimen sehen,der ihnen im innersten Mark gefährlich werden könnte unddessen logische Konsequenzen bei einiger ungestörter Er-örterung mit zwingender Beweiskraft ihnen zu Leibe rückenmöchten, da geben sie ihren Claqueurs die Losung, beimersten Wort mit solchem anscheinenden moralischen Unwillen