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mit Heißbegierde, Feuereifer und Glutbegeisterung danachgreifen — alles um einer französischen Diversion am Rhein zu entgehen, für die im Augenblick noch nichts als nur halbeWahrscheinlich spricht! Es wäre ebenso langwierig alsmüßig, dermalen abzuwägen, was für und wider eine solcheWahrscheinlichkeit aufzubringen sei. Wer kann die tausend-fachen Kombinationen voraussehen, die im Verlaufe desWeltengangs in die Ereignisse eingreifen, wer kann den Ein-fluß des heute noch ganz Ungeahnten auf den Gang derGeschichte ausrechnen? Gewiß ist nur eine Gefahr, das istdie: Deutschland zunächst, und dann Europa durch unserefreiwillige Einmischung mit den Schrecknissen nnd Ver-wüstungen des Krieges heimzusuchen, und alsdann im bestenFall, im Fall eines österreichischen Obsiegens, den Habs-burgischen Stock und die jesuitische Kamarilla definitiv zumMaßstab deutscher Geschicke einzusetzen. Die Gefahr einesAngriffes von außen besteht jederzeit für jeden kontinentalenStaat; sie bestand für Deutschland von französischer Seiteher vor der heutigen Verwicklung, und wird nach Beseiti-gung derselben bestehen, so lange das europäische Festlandein System von Militärstaaten bleiben wird. Aus Furchtvor solchen Angriffen, auf seine Nachbarn offensiv losgehenzu wollen, hieße sich zu einem permanenten Kriegszustandverdammen. Freilich hat es die Soldatenherrschaft aller-wärts schon dahin gebracht, daß der Normalzustand vonEuropa in gewissen Proportionen diesem ewigen Kriegs-zustand entspricht, indem jeder Staat Jahr aus Jahr einfabelhafte Armeen unterhält und fortwährend seine Rüstungenausdehnt, infolge deren die wechselseitige Beobachtung undBalanzierung dieses Unwesens zu einem wechselseitigen Ueber-bieten in länderaussaugeuden Kriegsbudgets führt. Aberwir dächten, dieser perennierende friedliche Kriegsstand seischon Unglück genug an sich und brauchte nicht noch, umden Kontinent vollends zu Grunde zu richten, zu einem per-