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menschlichen Stolz; denn es gibt nichts Traurigeres als dieununterbrochene Kette von Elend und Verbrechen, von Grau-samkeit und Hilflosigkeit, welche man Geschichte nennt. JedeSeite ist mit unschuldigem Blut gerötet, jede erzählt denTriumph eines Missethäters. Nichts desto weniger sind dieeinfachen Wahrheiten, auf die wir heute noch die Hoffnungkünftiger besserer Zeiten bauen, von jeher bekannt gewesen.
Was Gerechtigkeit und Freiheit sei, hat in der Haupt-sache das Altertum so gut gewußt und erörtert wie wir,und konnte für die unverdorbene Auffassung der einfachstenReligionswahrheiten aller Kulturvölker nie zweifelhaft sein.Wenn auch Jehova in Kanaan einiges standrechtliche Aus-schreiten und Jupitern viel unkirchlicher Lebenswandel zurLast fällt, so wäre es doch höchst nnkonstitutionell, diese per-sönlichen Angelegenheiten der göttlichen Majestäten bei deröffentlichen Debatte ihrer Religionsversassung zur Sprachezu bringen; und die Tugend, Sitte. Menschlichkeit und Ge-rechtigkeit, welche sie als ihnen wohlgefällig verkündeten, sindnoch dieselben, welche nach unseren heutigen Begriffen denguten und edlen Bürger schmücken sollten. Aber grade dieGefäße, in welchen die Wahrheitsschätze geborgen werdensollten, wandelten ja ihren Gehalt in giftige Lügen um undfügten sich allenthalben zu herrschenden oder dienendenWerkzeugen der Gewalt und des Eigennutzes. Aus der vonNatur aus sittlichen Religions-Empfindung ist überall dasPfaffentum als ihr konträres Gegenteil hervorgegangen, ausder liebenswürdigen Milde der Bergpredigt der Scheiterhaufeder Inquisition . Mächtig ist die Wahrheit allerdings, abernur in dem, welcher aus ihr die Überzeugung seines gutenRechtes zu wirksamen Thaten abzuleiten vermag, und nichtin dem idealistischen Fuhrmann, welcher sich beseligt lächelndneben den im Dreck steckenden Karren niederläßt in demVertrauen, daß die inwendige Kraft des guten Prinzips ihnaus dem Kothe ziehen werde. Wir glauben erstannlich weit