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3 (1895) Politische Schriften von 1848 bis 1868
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eines herabgekommenen Reichen, dessen Mittel nicht aus-langen, daß er sich mit eigenen Kräften wieder heraufarbeite,dessen Standes- und Ansehens-Traditionen ihm aber auchnicht erlauben, fremde Unterstützung zu empfange::. Wirsind zu vornehm, um geschenkt zu nehmen, zu dürftig, umunsere Ehre aufrecht zu erhalten. So fristen wir als ver-schämte Arme dem Ausland gegenüber eine politische Schein-existenz, und iu der Verlegenheit heften wir das rettung-suchende Auge auf wen? auf Preußen ! Theorie und aber-mals Theorie bis zum Ende! Gedankenfonnen ohne Fleischund Bein, mathematische Anschauungen mit körperlosenGrund- und Aufrissen. Ihr konstruiert Euch im Geiste einenpreußischen Staat, wie er sein könnte oder sollte, aber dieMenschen, welche diesen preußischen Staat zu jetziger Stundevorstellen, die thun Euch nichts zur Sache. Vom großenKurfürsten und vom großen König ans führt in Euremschulgerechten Hirn eine schnurgerade Lmie mit historischerNotwendigkeit bis herunter auf Euren deutschen Kaiser, aberandere sind die Wege der Logik, andere die Wege des mensch-lichen Samens, und wäre es auch ein königlicher. Nichtder Beruf schafft sich den Mann, sondern der Mann schafftsich den Beruf. Das Sprichwort sagt zwar: Gelegenheitmacht Diebe, aber es hütet sich zu sagen: Gelegenheit machtehrliche Leute. Kraft verschwenden kann jeder, sich Kraftgeben kann niemand, und daher sind alle eure hochgeborenenAnschauungen von der Sendung Preußens luftige Speku-lationen ohne Rücksicht auf das einzig entscheidende Maßder Dinge, d. h. die handelnden Personen. Das alles rührther vom Mißbrauch der Abstraktion. Wäre es unser ver-nünftiger Sprachgebrauch, in neunzig Fällen von Hunderten,statt falscher Weise Preußen, richtig Hohenzollern zu sagen,so würden an dem Worte selbst eine Menge irriger Voraus-setzungen scheitern, ehe sie auf die Oberfläche kämen, undgleicher Weise vermieden wir durch Übung solcher Rede-