so begegne ich einer Erscheinung, welche zu den eigentüm-lichsten unseres Zeitalters gehört und meines Erachtens einesaufmerksamen Studiums wert ist, weil sie ganzen Reihenvon trügerischen Anwendungen zu Grunde liegt. Ich möchtesie von ungefähr als den Zauber der falschen Genialität be-zeichnen und in politischen Dingen damit charakterisieren, daßsie die Erlösung in Form irgend einer — bis dato freilichnoch verhüllten — gut inspirierten Diktatur herankommenfühlt. Dieser Dämmerungsglaube an die „kühnen Griffe"erklärt sich allerdings bei einer Generation, welche derenmanche erlebt hat; aber wenn sie einen Augenblick den Über-schlag aller in diese Gattung gehörenden Unternehmungenmachen wollte, so würde sie zu dem höchst beachtenswertenResultate kommen, daß alle samt und sonders einem einzigenGeschlechte angehören, nämlich dem der gemeinschädlichenHandlungen. Das klärt die ganze Sache auf. SchlechteStreiche giebt es genug, aber gute Streiche sind ein un-bekanntes Ding. Es giebt Geheimmittel, welcher Manierman über Nacht eine Volksvertretung in Beschlag nehmenund eine Verfassung in die Tasche stecken kann, wie es Ge-heimnisse giebt über Nacht mit einem Börsenmanöver eineMillion zu erschwindeln; aber es giebt nicht ein ähnlichesPatentverfahren, um über Nacht die Gesetze der Freiheit zugründen oder ein ehrliches Vermögen zu erarbeiten. Mankann heimlich Brand stiften, aber man kann nicht heimlichbauen. Ja, nicht blos die rettenden Thaten und das poli-tische Gaunerwesen, auch das finanzielle haben wesentlichdazu mitgewirkt, die Fantasieen mit einer ungesunden Hefezu versetzen. Man hat so viele Bubenstreiche aller Art imHandumdrehen geraten sehen, daß man auf den Glaubenverfallen ist, auch das Reich der Freiheit könne einmal aufdiese Weise aufgebaut und erhalten werden. Das ist aberein großer Irrtum. Etwas Böses kann vom Einzelnen mitÜberraschung vollbracht werden, etwas Gutes ersprießt nur
Ludwig Bambergcr's Ges. Schriften. III.
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