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3 (1895) Politische Schriften von 1848 bis 1868
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die höhere Lebensform aus egoistischem Kasteninteresse vor-enthalten. Es läßt sich nirgends genau die Grenze ziehen,welche eine Periode von der anderen trennt, da, wie allesWachstum, beide unsichtbar ineinander greifen, aber wirkönnen ohne Furcht vor Widerspruch uns der Annahmehingeben, daß Deutschland in den letzten Jahrzehnten injene zweite und höhere Periode des politischen Lebens ein-getreten ist, in welcher es sich weniger um die Erweckungdes Bewußtseins als um die Erfüllung des erkannten Be-rufes für die Nation handelt. Die Natur der Anstrengungenaber, welche dem öffentlichen Ingenium in den beiderleiAbschnitten seiner Entwicklung obliegen, ist so zweifach, wiedie Natur der Aufgaben. Die erste Periode begreift einenwesentlich geistigen Prozeß, die zweite einen mehr oderminder materiellen Kamps. Denn, wenn auch im letztenStadium des Kampfes nach längst abgeworfenem Visierund in offener Fehde um Mein und Dein keiner der strei-tenden Teile auf die theoretische Propaganda verzichtenwird, so bleibt nichtsdestoweniger im Grundzuge der Haupt-unterschied entscheidend: zwischen einer Volksseele, die sichselbst erst das Rätsel ihrer Aufgabe zu lösen beschäftigt ist,und einem Volkskörper, der die Hand nach seinem legitimenErbteil ausstreckt.

Dem Prozeß der geistigen Entwicklung ist jedesMittel der Diskussion von Hause aus zuständig und nichtam wenigsten das des Humors in beliebiger Form. Dahat es das Kollektivwesen noch mit sich selbst und deswegenmit dem wohlmeinendsten aller Gegner zu thun. Es kannsich dem Spiel des Scherzes und der Verkleinerung seinerselbst nach Lust hingeben. Der ganze Streit wird umeine bekannte Analogie aus dem Gebiete der Rechtsphilo-sophie herbeizuholen auf dem Boden des Cioilprozessesgeführt, d. h. auf der Voraussetzung, daß keine von beidenParteien der anderen ein absichtliches Unrecht ansinne, und