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reiferer Nationen anspornt. Der Prozeß der Selbsterkenntnisgestattet auch hierbei noch vollauf die Methode der Selbst»ironie. Allein die Milch der Unschuld ist durch die Säureder demütigenden Selbstgeständnisse geronnen, und dem raschseinen heimischen Volkszuständen vorausgereiften Kritiker istkein Wasser ätzend, kein Feuer brennend genug, um diestumpfen Gefühlsnerven seiner Landsleute zum Leben auf-zureizen. Die üppige Anwendung der Satire im politischenStreit ist bereits diesem rüstigen Kämpen manchmal zumVorwurf gemacht worden, zumal von Solchen, wie immer,deren vom nordischen Haus aus schwere und nüchterne Natur,unfähig nachzufühlen und noch unfähiger nachzuahmen, widrigbewegt wurde von dem bunten Züngeln dieser fressendenFlamme. Aber gerade indem wir uns hier zur Aufgabemachen, gegen den ungebührlichen Gebrauch scherzhafter Weisenim Parteikampf warnend aufzutreten, ist uns die Widerlegungjenes speziellen Vorwurfs eigens willkommen. In BornesAufgabe ist die Ironie gerade noch an ihrem Platze; mitseiner Epoche erlischt ihr Recht, und schon in seiner, besondersin seiner späteren Manier spiegelt sich das Andringen einerneuen Phase mit neuen Ansprüchen ab. Die kaustische, tiefverbissene und verbitterte Tonart der Schriften aus dendreißiger Jahren steht als äußerstes Extrem jenem gemütlichsentimentalen Humor gegenüber, mit welchem in Jean Pauls Stilllcbensbildern, scheinbar unverfänglich, der erste Nerven-streif des Embryos zum künftigen deutschen Staatsbürgerseine Lebensregung verraten hatte. Jetzt pocht im herbenSpott bereits der wilde Zorn an die dröhnenden Thore derFrohnveste. Auch dieser Zorn ist dem rastlosen Rufer zurSünde angerechnet worden, als wie Mißachtung der eigenenNation. Die kennen ihn nicht, welche ihm mit solchem Vor-wurf entgegentreten. Ihr dick fließendes Blut kennt nichtaus eigener Empfindung die schwüle Qual der nach Rechtund Freiheit lechzenden Brust, welche sich selbst am meisten