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Es gehört noch etwas in das Kapitel vom Humor inder Politik, das hier wenigstens anhangsweise berührt werdenmuß. Wir meinen: die Fiktion der Loyalität. Der Humorist überhaupt von beträchtlicher Mitwirkung in der Ausübungsozialer Höflichkeitsformen. Alles, was symbolischer Naturist, fordert, je öfter es durch Zeit und Umstände mit demGedankeninhalt des Spielenden in Widerspruch gerät, dieKritik heraus, und mit der Kritik die Selbstironie. AllesCeremoniell hat den Verwandtschaftszug der Komik gemeinmit dem Wollsack des Lord Kanzlers oder der Fußwaschungder zwölf alten Bettler in Rom . Wie aber im Kamps diePartei sich vor dem übermäßigen Gebrauch der leichtenScherzwaffe zu bewahren hat, so sollte sie auch in das schein-bar harmlose Spiel der offiziellen Huldigungsformen nurmit vorsichtiger Unterscheidung eingehen. Auch dieses istlange so gleichgiltig nicht, wie es aussieht.
Eine Nation wie die englische, welche — nach mensch-lichem Ermessen wenigstens — dem physischen Übergewichtdynastischer Willkür entwachsen ist, kann sich ebenso, wie dieBelustigung ihres Mister Punch, auch alle erdenklichen For-men ersterbender Untertänigkeit gegen ihre großmächtigeKönigin erlauben. Es ist nicht Alles gut und nicht AllesGewinn dabei, lange nicht Alles. Aber es läßt sich ohneGefährdung tragen. Für Völker jedoch, bei denen die göttlichprivilegierte Regierung und der iu Geltung wirklich be-schränkte Unterthanenverstand noch so praktische Wahrheitensind, ist solcher Spaß ein ganz verderblicher Luxus. Manbraucht nicht ein phantastischer Jakobiner zu sein, um anden herkömmlichen servilen Formen im Verkehr zwischen denRegierten und Regierenden Anstoß zu nehmen. Im Gegen-teile: die Terroristen, welche es durchzwingen wollten, daßdie Menschen gegen ihr thatsächliches Gefühl einander alsBürger Dutzbruder begrüßten, standen den Loyalitätsrednernam nächsten, welche in die Anwendung längst hohl gewor-