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Landes als Volksstimme aus geweihter Tiefe entgegengehaltenwerden.
Trotz aller Herrlichkeit und Tiefe der deutschen Sprachehat sich unsere Redeweise dem Fluch, der auf der Nationliegt, nicht entziehen können. Wir haben für das Erhabene,für die Dichtung, wie für das Gemütliche und Volkstüm-liche einen Stil aufzuweisen, welcher dem besten irgend eineranderen Nation mindestens gleich kommt; wir haben es indem Ausdruck für das strenge und abgezogene Denkenzu einer unvergleichlichen Fertigkeit gebracht. Hingegenüberall da, wo der Verkehr der Menschen untereinander imgroßen Maßstab zur Geltung kommt, zeigt sich die Zerklüftungund die Verkümmerung der äußeren Verhältnisse auch in derDürftigkeit des Gewandes, in welchem der Gedanke einher-schreitet. Wie noch die Wenigsten bei uns zu berechnen ver-mögen, welche Einbuße an sogenanntem materiellen Wohl(als wäre dieses vom moralischen trennbar!) die Entbehrungeines großen politischen Vaterlandes nach sich zieht, ebensosind die bildenden Einflüsse der Kleistaaterei gewaltig über-schätzt worden. Das Bewußtsein, einem großen, d. h. einigenund geachteten Lande anzugehören, ist ein moralisches Besitz-tum, welchem zahlreiche audere gute Eigenschaften entsprießen.Ein solches Bewußtsein wirkt bildend und veredelnd in derErziehung des Individuums mit, wie ja selbst viel äußer-lichere Umstände und Glücksgüter die harmonische Entwick-lung des Charakters anerkannter Maßen befördern helfen.Auch ein bedeutendes soziales Leben entwickelt sich nur aufder Grundlage eines großen und starken Gemeinwesens.Darum war unsere Sprache vor hundert Jahren in ihremalltäglichen Umsätze noch so unbeholfen, und darum hat siesich bis auf den heutigen Tag in diesen Gebieten noch nichtzu der ihr angewiesenen Höhe hinaufschwingen können. DieTonart der Erzählung oder des Dialogs richtig zu treffen,