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3 (1895) Politische Schriften von 1848 bis 1868
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ist bei den Engländern und Franzosen beinahe ein Gemein-gut aller Wohlerzogenen; bei uns hingegen ist es nur denallergrößten Künstlern der Sprache gelungen, im Romanoder im bürgerlichen Drama das Wort in einer Weise zuhandhaben, daß unser Ohr nicht die trennende Klnft zwischender inneren Gedankenarbeit und der äußeren Lebensformunangenehm vermerke. Dürfen wir deck? ohne Jmpietät ein-gestehen, daß selbst die sonst so krystallhelle Prosa Lesfingsin der ungebundenen Gesprächsform seiner Theaterstücke jenenWiderspruch nicht ganz hat überwinden können. Bei dergroßen Mehrzahl der Darstellungen aus dem höheren Ge-sellschaftsleben im Roman und auf der Bühne entziehen wiruns noch heute nicht dem peinlichen Eindruck, daß es nichtdie Ausdrucksweise der lebendigen Aktualität ist. die wiraus dem Munde der handelnden Personen vernehmen, und

Besseres aufzuweisen hat. Was die großen Meister in diesemFache geleistet haben, ist viel weniger die Reproduktion desVorhandenen, als die Schaffung eines Eigentümlichen, dessenselbständige Vortrefflichkeit uns über den Mangel der Natur-nachahmung hinwegträgt.

Noch viel schmerzlicher macht sich aber diese stilistischeNemesis fühlbar in dem Maße, als wir an das eigentlichpolitische Feld herankommen, zunächst im Bereich der Ge-schichtschreibnng. Keine Nation hat so wackere und unver-dauliche Geschichtsschreiber. Eme Sprache, wie die des ge-lehrten Eichhorn oder des vortrefflichen Schlosser ist ander-wärts auf solcher Höhe der Wissenschaft etwas ganz Un-denkbares, um von noch Lebenden nicht zu reden. Undnun eist der Zeitungsstil! In England und Frankreich hatsich für die tägliche öffentliche Besprechung der Landes-angelegenheiten je eine eigentümliche und sehr vollendete Rede-weise ausgebildet. Die Einen haben die glänzende, gewandte,einschmeichelnde und pikante Diktion des guten Umgangs-

Vorrat des Brauchbaren nichts