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tones, die Anderen die schlagende, gemessene, handfeste, lebens-volle des gesunden Verstandes und der praktischen Anwend-barkeit. Gerade wie die Deutschen , haben auch die modernenItaliener keine selbständige höhere Noman- und Zeitungs-sprache. Alles ist Abklatsch von älteren und neueren fremdenVorbildern. Gleiches Leid berechtigt zu gleicher Jammer-klage. Die öffentliche Rede des Deutschen ist noch kalt,trocken und ohne Schlag von Schatten und Licht, wo sienicht falsch pathetisch ist. Die Zeitungen aber sprechen meistin einer Art, welche zwischen dem belehrenden Tone desMagisters und dem unreifen des Tertianers nach zwei Breitenhin abweicht, dieweil sich die Schulbank als Aequator mittendurchzieht. Ihre humoristischen Weisen erinnern vielfach anden zopfigen Schalkston, in welchem sich die Pastöre desvorigen Jahrhunderts über theologische Spitzfindigkeiten ein-ander Bosheiten zu sagen pflegten. Daß dieses Übel mitjedem Jahre abnimmt, braucht nicht gesagt zu werden. Derpolitische Fortschritt lohnt und zeigt sich zugleich in der sicht-lichen Veredelung der öffentlichen Sprache, und die meistenunserer Journalisten sind sich der großen und schweren Auf-gabe, welche der unsägliche Widerstand der Verhältnisse ihnenaufbürdet, nicht blos in Rücksicht auf den Inhalt, sondernauch in Rücksicht auf die Form deutlich bewußt. Denn wirhaben nicht blos mit den Erinnerungsnachwehen einer kaumvergangenen Zensurzeit zu rechnen, sondern auch mit den'^rafrechtlichen Bedenken einer Gegenwart, welche den poli-tischen Schriftsteller zu der ewigen Feuerprobe verdammt,mit unverletzten Füßen über das glühende Eisen des Ge-setzes einherzugehen. Nicht nur das ganze Arsenal der alt-überkommenen hoch- und notpeinlichen Vorschriften, mitwelchen die göttliche Obrigkeit den einfältigen Unterthanendas Maul verschloß, sondern auch eine noch viel künstlichereSammlung moderner Wolfsfallen und Selbstschüsse habenwir zu vermeiden; und eben indem die Feder hier unge-