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3 (1895) Politische Schriften von 1848 bis 1868
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Bildung, zu großem Einslutz gekommen sind, oder ihrerseitsdeutsche Bildung zu Ehren gebracht haben. In den letztenJahren konnte man keine Revue aufschlagen, in der nichtdeutsche Werke übersetzt oder ausgezogen oder rezensiertwaren. Wir haben mit eigenen Ohren gehört, wie ein aus-gezeichneter französischer Schriftsteller, durchaus kein ultra-nationaler, seine, allerdings sehr grundlose Besorgnis darüberaussprach, daß diese auf deutsche Kultur erpichte Richtungden heimischen Geist ganz um seine berechtigte Geltungbringen möchte. Es wurde Mode, deutsche Sprache denkleinen Kindern spielend beizubringen, ihnen deutsche Kinder-mädchen in verschiedener Abstufung von der simplen Bonnebis zur gelehrten Gouvernante zu halten. Unser Einermußte Jahr ans Jahr ein Konsultationen über deu Dialektder Bewerberinnen erteilen, wie ein Doktor über die Qualitätder Ammen. Es ist deshalb doch nicht wahrscheinlich, daßdie heute aufwachsende Generation mehr deutsch spreche«wird, als die erwachseue. Die Franzosen haben die wohlin ihrer Art einzige Eigentümlichkeit, daß sie, der Schuleentlaufen, die fremden Sprachen, deren sie in der Kindheitmächtig gewesen, wieder total verlernen. Man hörte Goetheöfter zitieren, als Racine. Er wurde ein ganz populärerMann (mehr als Schiller), und der ehemals einzig bekannteund geschätzte E. T. A. Hoffmann trat in den Hintergrund.Von deutscher Musik vollends lief alles über. Aus demaristokratischen Konservatorium zogen Beethoven, Mozart und Genossen mit fliegenden Fahnen an den Eingang desvolkstümlichen Fauburg St. Antoine, wo Pasdeloup mitseinen Sonntags-Konzerten den Arbeiterfamilien BachscheFugen statt des Roi Dagobert zum Besten gab, und manbalgte sich um die Plätze. Endlich kommen jetzt noch dieGenossenschaften nach deutschem Vorbild zum Durchbruch, wo-bei man die Vaterschaft von Schulze-Delitzsch anruft. ErnstRenan popularisirt deutsche Philologie und Kritik, und Michelet